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Liebespaar in der Schuldenfalle: Johannes Strauß (Abu Hassan, von rechts) und Natasha Young (Fatime) mit Geldwechsler Cornelius Burger (Omar) sowie Timo Beyerling als Komiker und Erzähler auf der Pforzheimer Theaterbühne.  Foto: Haymann
Liebespaar in der Schuldenfalle: Johannes Strauß (Abu Hassan, von rechts) und Natasha Young (Fatime) mit Geldwechsler Cornelius Burger (Omar) sowie Timo Beyerling als Komiker und Erzähler auf der Pforzheimer Theaterbühne. Foto: Haymann
23.05.2016

Arabisches Märchen mit Beatbox-Rap im Pforzheimer Stadttheater

Sie leben in Saus und Braus, haben alles verprasst. Um wieder an Geld zu kommen, verfolgen Abu Hassan und seine Frau Fatime eine wahnwitzige Idee: Sie erklären sich für tot. Schließlich zahlt das Kalifen-Paar die Begräbniskosten für Hinterbliebene. Nach „Geschichten aus 1001 Nacht“ für Kinder ist mit Carl Maria von Webers Singspiel „Abu Hassan“ nun ein weiteres Stück aus dem morgenländischen Geschichtenbuch am Theater Pforzheim zu erleben. Der heitere Einakter, der bei der Premiere viel Applaus erhielt, wurde von Kerstin Steeb als moderne Jugendoper inszeniert – mit WhatsApp, Beatbox-Rap und tiefsitzenden Haremshosen.

Die Zielgruppe selbst ist im neu gegründeten Jugendchor gleich mit auf der Bühne. Gleich am Anfang taucht die Tasche im Getümmel auf, bringt aber keine Bombe zum Vorschein, sondern nur eine Wasserspritzpistole und einen Zettel mit den zu verteilenden Rollen. Bass Cornelius Burger muss „den Arsch“ spielen – Geldwechsler Omar, der die Schulden des Paars aufkauft und Hassans Frau begehrt. Das macht er glaubwürdig, auch wenn er mit übergestülpter Tasche am Schluss etwas albern erscheint. Die Titelpartie übernimmt der vortrefflich singende Tenor Johannes Strauß, der mit blondem Prinzenhaar alles andere als arabisch wirkt und einen dümmlich-naiven Hassan abgibt. Rollenklischees werden ohnehin hinterfragt – oder „wer findet noch, dass Kochen Frauenaufgabe ist?“ Fatime jedenfalls ist emanzipiert, darf nach zehn Uhr noch alleine raus.

Sopranistin Natasha Young verkörpert sie mit Leidenschaft und Gerissenheit, kann aber gesanglich nicht immer überzeugen. In allen weiteren Rollen unterhält Schauspieler Timo Beyerling als brillanter Komiker, sei es als Erzähler oder Kalif in Unterhose, als piepsende Herrschergattin mit Handtäschchen oder vollbusige Zofe. Manchmal jedoch geht der Klamauk zu weit, so manche Aktion bleibt zudem rätselhaft – die Annäherungen im Publikum zum Beispiel. Die Zuschauer sitzen mit den Akteuren auf der Bühne – aber nicht etwa rundherum, sondern brav auf einem Podest.

Nah bei den Solisten spielt das Kammerorchester, besetzt mit Studenten der Hochschule für Musik Karlsruhe. Sie begleiten die Arien und Duette feinfühlig, in den dramatischen Szenen fehlt jedoch etwas Nachdruck. Der Dirigent Danilo Tepša – wie die Regisseurin die Dialoge gefasst hat, so hat er die Musik arrangiert – fällt öfter mit verbalen Einwürfen auf, etwa: „Er kommt zurück, Erdogan schickt doch eh alle wieder heim.“ Der Jugendchor hockt allzu oft auf orientalischen Kissen, peppt aber ironisierende Arien wie „Oh Fatime, meine Traute“ gestenreich auf, verstärkt als Gläubigergruppe den Druck auf Hassan oder sorgt beim Verfolgen der Fatime für schöne Bilder. Nach 70 Minuten ist alles erzählt, Happy End inklusive. Trotz aller Realitätsbezüge – das „1001 Nacht“-Stück ist ja doch nur ein Märchen.