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Ein 54-jähriger Amtsleiter hat Interesse am Posten des Pforzheimer Sozialbürgermeisters. Foto: Meyer
Ein 54-jähriger Amtsleiter hat Interesse am Posten des Pforzheimer Sozialbürgermeisters. Foto: Meyer
Das Tronser-Gebäude mit seiner elliptischen Stütze und den einbetonierten Verglasungen im Erdgeschoss.
Das Tronser-Gebäude mit seiner elliptischen Stütze und den einbetonierten Verglasungen im Erdgeschoss.
27.02.2018

Architekt über Beton-Brutalismus in Pforzheim: „Denkmalpflege setzt oft zu spät ein“

Monumental, grau, oftmals quaderförmig: Die Betonarchitektur der 1950er- und 1960er-Jahre spaltet die Gemüter. Was für die einen als architektonischer Schandfleck gilt, ist für die Macher der Ausstellung „SOS Brutalismus“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt eine mittlerweile bedrohte Art des Städtebaus. Auch Pforzheim ist Teil der Schau. Wir haben uns mit dem Architekten Peter W. Schmidt über das bauliche Erbe in der Stadt unterhalten.

PZ: Welche Gebäude zählen Sie in Pforzheim zu den wichtigsten Brutalismus-Vertretern?

Peter W. Schmidt: Mit großem Abstand das Neue Rathaus. Wenn man sich das Treppenhaus, die Deckenuntersichten, die Schalungsvarianten, die in den Beton integrierten technischen Abläufe anschaut, einmalig – auch für Deutschland. Und das Tronser-Gebäude mit seiner elliptischen Stütze, den einbetonierten Festverglasungen im Erdgeschoss. Unglaublich, dass man so etwas einmal machen konnte.

PZ: Warum werden diese landläufig als hässlich angesehen?

Peter W. Schmidt: Zum einen haben sich die Menschen nach den ersten Jahrzehnten des Wiederaufbaus von dem einfachen, funktionalen Stil abgewandt und sind zu einer neuen deutschen Heimeligkeit zurückgekehrt. Die moderne Architektur war nie beliebt. Die monolithisch gegossenen Betonbauten sind nicht die Lieblinge der Bevölkerung – aufgrund ihrer Schwere und dem großen Selbstbewusstsein, das sie ausstrahlen. Der Gelsenkirchener Barock hat deutlich mehr Fürsprecher.

PZ: Was müsste geschehen für eine Ehrenrettung brutalistischer Bauten?

Peter W. Schmidt: Dafür ist die Ausstellung im DAM ein guter Auftakt. Meines Erachtens ist sie überfällig. Viele der Gebäude sind unglücklich überformt, der Beton wurde – wie beim Neuen Rathaus – überstrichen, was die Häuser noch unglücklicher und dominanter in Erscheinung treten lässt. Die Ehrenrettung besteht aus meiner Sicht darin, die räumliche Qualität, die hohe Sensibilität in der Durcharbeitung und unglaubliche Detailvielfalt dieser Gebäude herauszuarbeiten. Es ist eine nie mehr wiederkehrende Bauepoche herauszustellen. Die energetischen Anforderungen machen heute reine Betongebäude, einschalig gebaut, monolithisch gegossen, so gut wie nicht mehr möglich.

PZ: Der Abriss der Gebäude östlich des C&A bis rüber zum Schlossberg steht im Pforzheimer Gemeinderat zur Debatte. Wie stehen Sie dazu: Abreißen oder pflegen?

Peter W. Schmidt: Eine schwierige Frage, die durch die räumliche Neuordnung der Innenstadt Ost eigentlich schon beantwortet ist. Grundsätzlich ist die südliche Fassung des Schlossbergs und der Schlosskirche mit den Kuben, die von Ernst Otto Schweizer, einem vorzüglichen Nachkriegsarchitekten, gesetzt wurden, einmalig. Dass sie zukünftigen Stadtentwicklungen nicht zuträglich sind, hat das derzeit laufende Verfahren gezeigt. Die städtebauliche Setzung und Stellung der Baukörper zu schleifen, das tut einem engagierten Architekten schon im Herzen weh. Man könnte sich vorstellen, sie komplett zu entkernen, zu sanieren und zu überformen, den südlichen Schlossgarten bis zur Östlichen durchlaufen zu lassen und vielleicht dadurch eine neue räumliche Qualität zu erhalten.

PZ: Wird mit diesem baulichen Erbe zu leichtfertig umgegangen?

Peter W. Schmidt: Es ist immer einfach zu fordern. Es muss zuerst die Investoren geben, die viel Geld in die Hand nehmen müssten, um solche Gebäude zu erhalten, kein einfaches Unterfangen. Ich denke, hier müssten eindeutige Weichenstellungen von der Politik erfolgen, dann wären auch diese Gebäude für nachfolgende Generationen zu erhalten. Baukultur ist ein Austausch der Gesellschaft und weithin ein Standortvorteil. Leider ist es so, dass die Denkmalpflege oft zu spät einsetzt und am Ende des 19. Jahrhunderts aufhört, das bauliche Erbe zu sichern.

PZ: Was sind aktuell die Trends in der Architektur mit der Verwendung von Sichtbeton?

Peter W. Schmidt: In der zeitgenössischen Architektur hat der Einzug von Sichtbeton seinen festen Platz. Heutige Betongebäude werden zweischalig gebaut, so dass die Betonoptik innen und außen gegeben ist. Kein günstiges Verfahren, wenngleich es erprobt ist und angewendet wird. Beton steht für eine oberflächenfertige Gestalt, deren Zufälligkeit in Kauf genommen wird. So entsteht ein eigener unverwechselbarer Charakter. Man muss Beton als natürliches Material sehen, das altern darf und Patina anlegt. Hat man diese Hürde genommen, wird man die Erscheinung solcher Häuser anders empfinden.

Isis
27.02.2018
Architekt über Beton-Brutalismus in Pforzheim: „Denkmalpflege setzt oft zu spät ein“

ein bissle Farbe war in 50 langen Jahren auch nicht möglich. Ich kann mich noch gut an eine Aktion der PZ erinnern vor evtl. 20 Jahren als dat Ding neu gestrichen wurde: welche Farbe wollt IHR?? Und dann?? wurde es wieder grau. DAS ist Pforze. mehr...

Igelchen
27.02.2018
Architekt über Beton-Brutalismus in Pforzheim: „Denkmalpflege setzt oft zu spät ein“

Und das Technische Rathaus steht unter Denkmalschutz, auch ein Gebäude, bei dem man nicht rechtzeitig begonnen hat, die Substanz zu erhalten. mehr...