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Zahlreiche Leihgaben der Ausstellung stammen aus Familienbesitz, hier die Joho-Enkelinnen Liane Reinshagen-Joho, Olivia Reinshagen-Hernández und Amélie Reinshagen-Plaehn (von links). Fotos: Ketterl
Plakate, wie „Heil Heini 1931“, bestimmen das Werk von Bert Joho mit.
Plakate, wie „Heil Heini 1931“, bestimmen das Werk von Bert Joho mit.
Im zerstörten Pforzheim sprießt erstes Grün: „Franziskuskirche“ von Bert Joho.
09.11.2018

Ausstellung feiert das Pforzheimer Künstlerpaar Vera und Bert Joho

Pforzheim. Als Oberbürgermeister Erwin Gündert die Städtische Gemäldesammlung im Bohnenberger Schlössle einweiht, ist er stolz“, schildert Franz Littmann, denn „bewusst ausgeschlossen bleiben der Expressionismus, der Kubismus und andere übersteigerte Stilformen und Richtungen“, zitiert er den Politiker.

Das ist Ende 1929, als sich nicht nur europaweit diese Kunstströmungen durchgesetzt haben, sondern auch Künstler wie Vera und Bert Joho Teil der Avantgarde sind. Doch Pforzheim ist noch nicht soweit – und wird es über viele Jahre nicht sein. Die lokale Kunstgeschichte ist nur einer der spannenden Aspekte der Ausstellung „Die Wiederverzauberung der Welt“, die am Sonntag in der Pforzheim Galerie eröffnet wird.

Bildergalerie: Ausstellung feiert das Pforzheimer Künstlerpaar Joho

Littmann hat sie kuratiert – mit Unterstützung der drei Joho-Enkelinnen, die rund 70 Werke zur Verfügung stellten. Die Mammutschau, die sich mit über 200 Exponaten über die gesamte Galerie erstreckt, zeigt vor allem ein Thema auf, das dem Kunsthistoriker wichtig ist: „Das Ehepaar hat schon in der Weimarer Republik das gelebt, was der Hochschule heute wichtig ist: angewandte Kunst – also Design.“ Denn Bert Joho als Kunstprofessor an der Großherzoglichen Kunstgewerbeschule und Vera Joho als Lehrbeauftragte für Schmuck und Mode vereinen, was sich die Arts-and-Crafts-Bewegung auf die Fahnen geschrieben hat – die Gestaltung des alltäglichen Lebens und der Alltagsgegenstände durch Kunst. Und so zeigt die Schau nicht nur den von Bert Joho für die Firma seines Schwiegervaters Theodor Fahrner entworfenen Schmuck, sondern auch ein von ihm gestaltetes Feuerzeug. Von Vera Joho gibt es Silhouetten-Schmuck und Modeentwürfe zu sehen – und das gemeinsam für die Brennerei Schladerer entworfene Erscheinungsbild – als frühe Form der Corporate Identity. Vera Joho gestaltet auch Wandbilder, etwa die bis heute existierende, von Rolf Gröger ausgeführte „Wasserwelt“ im Hilda-Gymnasium.

Diese Ausstellung ist eine Hommage an die Künstlerin, die häufig nur als Blumen- und Porträtmalerin in Erinnerung ist. Wie avantgardistisch die gebürtige Pforzheimerin war, davon künden vor allem ihre Stillleben, etwa „Schale, Fische und Flaschen“ von 1933, in dem sich Perspektive und Formen auflösen. Wie seine Ehefrau ist auch Bert Joho ein genauer Beobachter seiner Zeit: Da trifft im Aquarell „Schaufensterecke“ von 1937 eine ärmlich gekleidete Frau auf das halb nackte Modell im Schaufenster. Mit großer Reflexion zeigt er Menschen, die in sich gekehrt sind, einzigartige Individuen. Und begibt sich auch damit in die Opposition einer Zeit der Gleichmacherei. Er verliert nicht nur den Titel des stellvertretenden Rektors und sein Atelier an der Schule, sondern wird in den vorgezogenen Ruhestand geschickt. Doch bei aller Trauer um das Verlorene und die Toten, schwingt in seinen Trümmerbildern nach 1945 auch ein Funken Hoffnung mit, ein leise wachsendes Grün im Grau der Zerstörung. „Wie Vera mit ihren Blumenstillleben, die das Verwelken schon in sich trugen, sind auch diese Bilder eine Feier des Überlebens“, sagt Enkelin Liane Reinshagen-Joho.