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Kunsthistorikerin Krisztina Jütten in der von ihr kuratierten Ausstellung im Hohenwart Forum.
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„Pink Power“ ist der Titel dieser Installation aus umhüllten Ziegelsteinen von Gloria Keller. Sie wünscht sich, dass an dieser internationalen Aktion, bei der bereits zahlreiche Frauen Ummantelungen für die Steine gestrickt oder gehäkelt haben, weitere Menschen teilnehmen. Die Anleitung für die Hüllen gibt es im Internet unter www.pzlink.de/pinkpower. Fotos: Pfäfflin
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An die Ermordung von Hunderten von Säuglingen in einem Nonnenheim erinnert die Arbeit von Christine Bauer.

Ausstellung im Hohenwart Forum: Blick auf eine Welt, in der nicht alles in Ordnung ist

Pforzheim. Alles in Ordnung? Offensichtlich nicht so ganz. Denn: 20 Künstlerinnen Gedok-Vereinigung, die von Sonntag an im Hohenwart Forum ausstellen, haben auf diese Frage eher selten die Antwort: Danke, ja.

Denn vielmehr treibt sie der – manchmal desolate – Zustand der Gesellschaft, die Zerstörung der Umwelt, aber auch der private Zweifel um. Ordnung scheint es in dieser Ausstellung nur als Prinzip zu geben.

Umhäkelte Ziegelsteine

Mauern werden da hochgezogen: aus 300 massiven Ziegelsteinen als Symbol für Trennung und Abgrenzung. Doch Gloria Kellers runde Mauer ist pink: gestrickt und gehäkelt von Frauen aus aller Welt. „Ein Kommunikationskreis in der Ausstellung“, wünscht sich die in Freudenstadt lebende Künstlern.

Missbrauch ist ein Thema, das gleich zwei Künstlerinnen aufgreifen. Mit Werken, die unter die Haut gehen. „Die toten Babys von Tuam“ hat Christine Bauer ihre beiden Collagen auf Holzkästen übertitelt: Mit Fotografien, Übermalungen, mit Wachs und Schellack gestaltet sie Bilder, die an die furchtbare Entdeckung bei der Grabung in der irischen Stadt Tuam erinnern. Im Frühjahr 2017 wurden dort 796 Skelette von Säuglingen und Kleinkindern gefunden – im Massengrab direkt hinter dem Heim für ledige Mütter der Nonnen des katholischen Ordens „Sisters of Bon Secours“ – also der „Schwestern der guten Hilfe“.

Wenn aus Liebe Scham wird

Einen Schritt weiter geht noch die Pforzheimer Künstlerin Ingrid Bürger in ihrer Arbeit „Kindesmissbrauch“: Aus Nepalpapier formt sie Köpfe von Müttern, Frauen und Babys. Doch aus Liebe werden schnell Opfer, Scham und Missbrauch – dargestellt an sich teils überlagernden Fragmenten von Körpern.

Auch in den drei Guckkästen von Eva Witter-Mante aus Schwerte kommt nicht so richtig Freude auf: Ganz heimelig sind die Tische gedeckt, hübsch von Blümchentapeten umgeben. Doch dann ragt da ein abgetrenntes Puppenbein aus dem Gefäß, liegt ein Arm unterm Tisch. „Nun kann das Kopfkino beginnen“, sagt die Künstlerin.

„Heiterer Sommer, wo bist du?“ fragt Heidi Knapp. Die Karlsruherin hatte sich alles so schön vorgestellt: sorglose Tage mit Kindern und Enkeln, am Strand, im Urlaub. Doch es kommt anders: Berufliche Probleme der Kinder, Krankheiten der Eltern … In ihren drei abstrakten Collagen aus verschiedenen Papieren fängt sie diese Ambivalenz ein – zwischen hoffnungsvoll strahlendem Gelb und düsterem Schwarz. Einen „Himmelsstürmer“ stellt Sylvia Kiefer aus Durlach in den Raum: Aus gefundenen Ästen und Pflanzen, mit hoch erhobenem Gipskopf balanciert er auf einem Holzbalken – doch Abheben, das fällt schwer, wenn eine Kiste mit Steinen an den Füßen hängt.

Alles in Ordnung? Der oft selbstkritische Blick in den Spiegel und die Reaktion unserer Mitmenschen auf uns beschäftigt Irmhild Schaefer in ihrem Ölgemälde „Reflexzone“, das mit kräftigen Farben und starkem Pinselduktus die Ansicht einer Frau vor und im Spiegel zeigt.

Doch nicht nur mit den Gefühlen wird aufgeräumt, sondern auch ganz real: Lilo Maisch in ihrer Serie aus bemalten Metallplatten mit streng geometrischen Linien und Flächen, Ute Arnhart in ihrem Triptychon, das Fundstücke aus der Natur, Fäden, Papier und Wachs rhythmisch gruppiert. 20 Künstlerinnen der Gedok-Gruppen Karlsruhe und Wuppertal hat Kuratorin Krisztina Jütten in der Kapelle und den Räumen des Hohenwart Forums versammelt – sehenswert ist jede einzelne.

Sandra Pfäfflin

Sandra Pfäfflin