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Intensive Zeichnung: das Werk „Übergriff“ von Jochen Oettling.
Intensive Zeichnung: das Werk „Übergriff“ von Jochen Oettling.
Kuratorin Tanja Solombrino (links) und Radegunde Lehr vom Kulturamt betrachten die preisgekrönten „Schriftzeichnungen“ von Sven Steinmetz in der „Ortszeit“-Ausstellung im EMMA. Seibel
Kuratorin Tanja Solombrino (links) und Radegunde Lehr vom Kulturamt betrachten die preisgekrönten „Schriftzeichnungen“ von Sven Steinmetz in der „Ortszeit“-Ausstellung im EMMA. Seibel
16.09.2016

Ausstellungsreihe „Ortszeit“ zum ersten Mal im Kreativzentrum EMMA.

Bleistiftlinien auf weißem Blatt, eine Ausstellung mit Zeichnungen. Wie langweilig. Nein, völlig falsch gedacht. Wie spannend Zeichnungen sein können und vor allem wie vielfältig, das stellt die elfte Ausstellung der „Ortszeit“-Reihe von Samstag an unter Beweis.

Denn Zeichnung kann soviel – zumindest wenn man den Begriff so weit fasst wie die 26 Künstler, von denen 65 Arbeiten im Kreativzentrum EMMA präsentiert werden. Nehmen wir doch einmal Ilona Trimbacher und ihre „Schwarzwälder Strichelein“. Denn die hängen nicht an der Wand, sondern flimmern über den großen Bildschirm. Als wunderbar witziger Zeichentrickfilm, der mit allen Schwarzwald-Attributen gekonnt spielt und sie in eine fast pop-artige Atmosphäre verpackt.

Oder Stephanie Penner, ebenfalls Studentin an der Hochschule für Gestaltung: Ihre Linien und Zeichen erstrecken sich über Becher und Gefäße – mittels Kupferdraht in die Keramik gebrannt.

Einen ganz ungewöhnlichen Umgang mit Draht zeigt auch der in Birkenfeld lebende Künstler Bernd Hennig. Die Linien seiner Köpfe und Figuren bestehen aus rostenden Drahtstücken – wie im Bild „Ich sehe was, das Du nicht siehst“ und im Triptychon „Ich sehe Dich“ zu hintergründigen Kompositionen zusammengefasst.

Zeichnung mit Tiefgang

„Die ganze Bandbreite dessen, was heute Zeichnung ausmacht, ist hier zu sehen“, sagt Kunsthistorikerin Tanja Solombrino, die die Ausstellung kuratiert hat. Und die reicht dann tatsächlich vom starkfarbigen Siebdruck nach einer Zeichnung von Michael Kriese, bis zu fast fotorealistischen Arbeiten von Jochen Oettling, der mit seinem Werk „Übergriff“ ein bezugsreiches Thema aufgreift: wie aus dem Nichts nähert sich eine Hand dem roten Pferdeschwanz einer jungen Frau. Eine Hand, die gleich zugreifen wird …

Doch auch eine Entdeckungsreise in die künstlerische Vielfalt der Region hat diese Schau zu bieten: Da sind bekannte Künstler vertreten, wie Helga Digel mit Kugelschreiber- und Filzstift-Zeichungen oder Annette Karrenbach mit ihren typischen Figuren. Dean Glandon zeigt seine verschlüsselten Themenwelten, und Eckard Bauschs Arbeiten lassen erahnen, dass sein künstlerisches Augenmerk auf der Skulptur liegt. Ganz neue Einflüsse sind im Werk von Harald Kröner zu sehen, der seine Faltzeichnungen mit Materialscheiben versieht, seien sie aus Druckerzeugnissen oder aus Rinde. Muriel Shah hat in ihrer „Mood“-Reihe eine kleine Welt voller Figuren und Formen auf Zigarrenschachteln gepackt, die mit einem Magnet versehen, immer wieder ausgetauscht werden können.

Reduzierte Werke von Amon

Doch manchmal reichen einfach feine Bleistiftstriche, um ein ganzes Universum zu eröffnen: Angela Amon lässt mit ihren drei Arbeiten mit dem Titel „Schraffuren“ tief eintauchen in eine Welt aus Linien – und ist damit auch die neue „Ortszeit“-Preisträgerin. Die Ehre teilt sich die 72-jährige, renommierte Künstlerin mit dem 24-jährigen Design-Studenten Sven Steinmetz.

Der zeigt ebenfalls schwarze Zeichen auf weißem Papier – doch mit einer völlig anderen Gestaltungsgrundlage. Seine „Schriftzeichnungen“ lassen staunen und rätseln. Denn ganz automatisch ist man versucht, die Buchstaben und Zeichen in einen logischen Zusammenhang zu bringen, sie zu lesen. Um schnell festzustellen, dass es sich hier um ein spannendes und bezugsreiches Spiel mit unseren Sehgewohnheiten handelt.