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18.09.2015

Babylonische Sprachverwirrung: „Nabucco“ feiert Premiere

Rasant geht es zu in der Eröffnungspremiere am Freitagabend am Theater. Die Babylonier haben Jerusalem erobert. Sie brennen den Tempel nieder, verschleppen die Juden und halten sie gefangen in Knechtschaft. Die beiden Völker verstehen sich nicht – und in Pforzheim wird man es deutlicher hören als sonst.

Denn ihr Missverstehen ist Sprache geworden in der Nabucco-Inszenierung, die der neue Intendant Thomas Münstermann zusammen mit seinen neuen Kollegen für die Premiere konzipiert hat: Hebräisch, Deutsch, Persisch und Italienisch. Alle vier Sprachen erklingen. Alleine, zusammen – gegeneinander.

Wer keine gemeinsame Sprache findet, der kann keine gemeinsame Sache machen. Davon ist Münstermann überzeugt. Und so überträgt er den Konflikt der Oper auf die sprachlichen Mittel, macht deutlich, was die Oper enthält – und was in einer Stadt wie Pforzheim eine große Aktualität besitzt. „Pforzheim ist die vielleicht internationalste Stadt Deutschlands. Hier kommen Menschen mit ganz verschiedenen Sprachen zusammen“, sagt er: „Das birgt in sich, dass die Menschen manchmal aneinander vorbeisprechen.“ Und dieses Phänomen hebt Münstermann auf die Bühne.

Auch das Nabucco-Personal ist zerstritten. Da gibt es die babylonischen Sieger, die Münstermann persisch singen lässt, die Juden in ihrem Hebräisch und die Solisten im originalen Italienisch. Warum? „Die Solisten sind als Elite über das Volk erhoben. Sie sprechen eine Sprache, die die anderen nicht verstehen. Wir haben uns für Italienisch entschieden – die Originalsprache der Komposition.“ Ein langer Weg ist es bis zur endgültigen Fassung. Der Text muss verteilt, übersetzt – in eine singbare Form gebracht werden. Den persischen Teil übernimmt die Regieassistentin Jasaman Roushanaei. „Ich habe die Übersetzung zusammen mit meiner Freundin Rozita Fazaee gemacht“, sagt sie: „Wir haben die Silben genau abgezählt, auf den Rhythmus gehört und versucht, ihn im Persischen zu übernehmen.“ Zusammen mit Chordirektorin Salome Tendies machen sie den Feinschliff, bauen Wörter an oder zwacken Silben ab. Am Ende hat alles funktioniert. „Es war einfacher als gedacht“, sagt Roushanaei. Die hebräische Übersetzung stammt von Rachel Hruby, der ehemaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Pforzheim. Sie hat sich bei ihrer Übersetzung am biblischen Hebräisch orientiert.

„Das ist melodischer“, sagt sie. Den Sängern aber bereitet die Sprache Probleme. „Das Hebräische besitzt ähnliche Laute wie das Arabische. Das ist für Europäer schwer auszusprechen“, sagt Hruby. Auch die Verteilung auf die Musik ist mühsam; gerade das Memorieren fällt dem Chor schwer. Zu schwer. „Wir haben uns dann für die pragmatische Lösung entschieden“, sagt Münstermann: „Der Chor singt in weiten Teilen deutsch. An ausgewählten Stellen aber auch hebräisch“. Nur an einem Punkt vereinigen sich die gegenläufigen Stimmen und Sprachen. Wenn im dritten Akt mit dem Freiheitschor eine der berühmtesten Opernmelodien der Welt erklingt. Dann wird nicht nur die Sprache italienisch, sondern vielleicht schließt sich das Pforzheimer Publikum italienischen Operngeflogenheiten an. Was genau passiert, bleibt Überraschung.