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Glanzleistung: Die Badische Philharmonie Pforzheim spielt unter dem Dirigat von Generalmusikdirektor Robin Davis mit der Cellistin Inbal Segev die Europäische Uraufführung des Werks "Dance". 

Badische Philharmonie punktet bei ersten Sinfoniekonzert im CCP mit zwei Europäischen Erstaufführungen

Pforzheim. Gleich mit zwei Europäischen Erstaufführungen konnte die Badische Philharmonie beim ersten Sinfoniekonzert im gut gefüllten CongressCentrum Pforzheim punkten. Dazu kam der besondere Glücksfall, dass die Auftraggeberin einer der beiden Kompositionen, die aus Israel gebürtige und in den USA lebende Cellistin und YouTuberin Inbal Segev, sich spontan bereiterklärt hatte, das Konzert selbst zu spielen. Und damit nicht genug: Die Künstlerin spielte auch nach das einleitende Händelwerk mit und beteiligte sich an der aufschlussreichen Einführung von Dirigent Robin Davis.

Unter dem Motto "Musik der Sphären" spannte das Konzert einen weiten Bogen vom Barock zur Gegenwart und zurück zu Mozart. Zum Auftakt erklangen die Ouvertüre und die Arie "What passion cannot music raise and quell" aus Händels "Ode for St. Cecilias Day". Orchester und Sopranistin Elisandra Melián huldigten der Muse der Musik mit sorgfältig und überzeugend im barocken Stil gestalteter Spielweise und leichter, eleganter Stimmführung der sehr hoch angelegten Gesangspartie.

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Herausragende Solistin: Inbal Segev.

Die aus Großbritannien gebürtige und in den USA lebende Komponistin Anna Clyne (geboren 1980) hat ihrer Auftragskomposition "Dance" für die Cellistin Inbal Segev ein Gedicht des mittelalterlichen persischen Dichters Rumi zugrunde gelegt. In fünf Zeilen fordert der Poet auf, zu tanzen: Wenn man sich innerlich aufgebrochen fühlt, wenn man sich von Fesseln befreit hat, mitten im Kampf, im eigenen Blut, und wenn man völlig frei ist.

Charakteristische Motive fallen im vierten Satz auf

Anna Clyne hat jeder Zeile einen Satz gewidmet. Ihre sowohl melodisch-eingängige wie moderne Komposition entführt im ersten Satz melancholisch in innere Sphären und rüttelt und reißt im zweiten Satz lautmalerisch an Gefängnisstäben und Fesseln.

Im dritten Satz schwebt eine schmerzliche Cellomelodie über dem zurückgenommenen Klangteppich des Orchesters, der sinfonischen Charakter annimmt, vom Kontrafagott mit einer Jazzlinie unterlegt wird und in extrem hohen Tönen verklingt. Anna Clyne hat mit Bezug auf jüdische Familientradition an vielen Stellen charakteristische, durch große Sekunden gekennzeichnete Motive eingebaut, die besonders im epischen vierten Satz auffallen. Im Schlusssatz bricht eine schwingende Melodie frei.

Inbal Segev spielte das mit großen technischen Anforderungen wie extrem hohe Töne und Spiel auf der Brücke (Ponticelli) gespickte Werk mit virtuoser Sicherheit und tänzerischer Leichtigkeit. Das Orchester unter der aufmerksamen Leitung von Robin Davis widmete sich der ungewöhnlichen und vielfältigen Aufgabe kompetent und versiert. Für den begeisterten, langanhaltenden Beifall und die Bravorufe bedankte sich Inbal Segev mit einer Sarabande von Bach.

In ein unirdisches Klanguniversum entführte die zweite Erstaufführung, die "Sinfonia for Orbiting Spheres" der amerikanischen Komponistin Missy Mazzoli (geboren 1980). Aus Streicher-Glissandi entwickelte Klangspiralen umkreisen und verdichten sich, lassen blitzende Sterne und Meteoritenschwärme entstehen.

Struktur und Dynamik der Sinfonie werden transparent

Bläser und Schlagzeug materialisieren langsam sich wälzende Planeten, die eine Art Walgesänge (in den Hörnern) von sich geben. Zur Klangvielfalt kommen "Löwengebrüll" im Schlagwerk, Mundharmonika- und Synthesizerklänge hinzu, eine weitere musikalische Sphäre, die "BoomBox" mit voraufgenommenen Orchesterpart beendet das ungewöhnliche Werk.

Wer sich nun bei Mozarts "Jupitersinfonie" entspannt zurücklehnen wollte, sah sich vom sportlich-engagierten Einsatz des Dirigenten und dem inspirierten und konzentrierten Spiel des Orchesters mitgerissen. Nach einem etwas dramatisch-breiten Satz zog Davis das Tempo spürbar an.

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Elegante Stimmführung: Elisandra Melián singt Händel.

Struktur und Dynamik der Sinfonie wurden transparent und filigran herausgearbeitet. Statt eines höfisch-pompösen Musikstücks erstand so ein nervös-irrlichternder Mozart von perlender Leichtigkeit. Erneut begeisterter Applaus.