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Yuki Manuela Janke zeigt eine beeindruckende Virtuosität. Foto: Bechtle
Yuki Manuela Janke zeigt eine beeindruckende Virtuosität. Foto: Bechtle
Unter der Leitung von Markus Huber zeigt die Badische Philharmonie eine selbstbewusste Interpretation von Sibelius‘ Violinkonzert. Foto: Bechtle
Unter der Leitung von Markus Huber zeigt die Badische Philharmonie eine selbstbewusste Interpretation von Sibelius‘ Violinkonzert. Foto: Bechtle
20.12.2016

Badische Philharmonie widmet sich Jean Sibelius

Pforzheim. Ihr zweites Sinfoniekonzert widmet die Badische Philharmonie Pforzheim bloß einem Komponisten: Jean Sibelius, dessen Werke das kräftig verstärkte Orchester zusammen mit der Geigerin Yuki Manuela Janke tadellos wiedergibt – doch der Abend sorgt trotzdem für gemischte Gefühle.

Das Programm: Es ist ein Wagnis, das Generalmusikdirektor Markus Huber mit einem reinen Sibelius-Programm eingeht. Besteht nicht bei Konzerten mit den Werken bloß eines Komponisten die Gefahr der Übersättigung? Nicht hier. Die sinfonische Dichtung „Finlandia“, das Violinkonzert und die vierte Sinfonie zeigen so verschiedene Facetten von Sibelius’ Schaffen, dass es eine Freude ist. Woher kommt diese Verschiedenheit der Werke, die doch innerhalb einer Spanne von rund zehn Jahren komponiert wurden? Die Antwort führt ins Zentrum der Beschäftigung mit Sibelius. Denn der befindet sich als finnischer Komponist im beginnenden 20. Jahrhundert in einer misslichen Lage. Zwar hat er auch in Deutschland und Österreich studiert und versucht sogar, vom fernen Helsinki aus die europäischen Musikzentren zu beobachten – aber so wirklich innerhalb der Entwicklung der Musik steht er nicht. Und das in einem Land, das als russische Provinz das gesamte 19. Jahrhundert verschlafen hat – und mit ihm die Musik des Zeitalters. So kann Sibelius nicht anders, als in seinen Werken alle Trends der verpassten Zeit nachzuholen. Was in Zentraleuropa rund 100 Jahre früher modisch war – nämlich die Konstruktion eines Nationalbewusstseins durch die Kraft der Künste – zeigt Sibelius in „Finlandia“. Der bombastische Blechbläsersatz, die dumpfe Heroik und der naive Naturstil führen zu einem Werk, das primär als eines im Kopf bleibt: laut.

Ganz anders das Violinkonzert. Hier besteht der Rückgriff aus betonter Abgrenzung – auch eine Form der Hommage. Ganz leise lässt Sibelius die Geige einsetzen. Was folgt, ist ein Feuerwerk der Virtuosität, die sich mehr tastend in Stimmungen verfängt, als einer wirklichen Entwicklung nachzuspüren. Der langsame Satz ist eine expressive Meditation in Tönen, das Schlussallegro ein feuriges Folklorestück.

Wieder ganz anders zeigt sich das letzte Werk des Abends: Sibelius’ vierte Sinfonie, die mit einem gewaltigen Sprung versucht, zur Gegenwart aufzuschließen. Und um 1910 ist die spätromantische Tonsprache in der Krise – so wie Sibelius selbst, der sich von einer Krebsoperation erholt. In dem viersätzigen Werk herrscht Düsterkeit und Verzweiflung. Mit Fleiß hämmert Sibelius aufs Gebäude der sinfonischen Form; doch aus den Trümmern will etwas Neues nicht erstehen. Sätze, die betont unvermittelt enden, Melodien, die ins Leere gehen, eine Harmonik der Entfremdung – und ein seltsam simples Glockenspielmotiv, das den letzten Satz begleitet. Ein interessantes Werk – aber ein sprödes.

Die Solistin: Die Münchner Geigerin Yuki Manuela Janke ist eine Wucht. In technischer Vollendung macht sie das Violinkonzert zu einem Ereignis. Erst tastet sie sich vor in den so seltsam innerlichen Beginn des Werks, scheint die Töne bloß zu tupfen. Dann entfährt ihr eine Energie, die beeindruckt. Jeden Ton behält sie bis zum letzten Augenblick in ihrer Kontrolle – und lässt das Werk so aufleuchten. Der Applaus, die Bravorufe hellen ihr Gesicht auf, das während des Konzerts so melancholisch dreingeschaut hat. Sie bedankt sich mit – der Kontrast könnte nicht größer sein – der Gavotte aus der 3. Partita von Bach – subtil und federleicht.

Das Orchester: Die Badische Philharmonie zeigt eine beeindruckende Vorstellung. Über weite Strecken wirkt das Orchester in seiner selbstbewussten Streichermacht wie ausgewechselt. Wurde es auch – verrät das Programmheft. Besonders die Zweiten Geigen und die Celli sind kräftig von Gästen verstärkt und ersetzt – und verhelfen dem Orchester zu einer symphonischen Fülle, die Freude macht. Die Bläser kommen beinahe ohne Verstärkung aus; auch sie zeigen eine tolle Vorstellung. Besonders die gelungene dynamische Differenzierung der Partituren verrät eine intensive Beschäftigung.

Was sonst noch geschah: An diesem vierten Adventssonntag ist das CongressCentrum Pforzheim nur mau besucht. Das ist schade (siehe Kommentar). Gerade weil mit dem Solo-Oboisten Nigel Treherne ein verdienter Musiker des Orchesters – nach 40 Jahren im Einsatz – seinen Abschied nimmt. Er wird sich im Ruhestand noch mehr dem Komponieren widmen – und konzipiert schon eine Oper, die er in Pforzheim uraufzuführen gedenkt. Eine spannende Vorstellung – so wie der ganze Abend.