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Staunenswert: Die Wolkenkratzerkulisse der Hauptstadt Dubai beeindruckt auch die Pforzheimer bei ihrem Gastspiel.  Foto: Karabelas 

Ballett Theater Pforzheim gastiert bei der Expo 2020 in Dubai

Dubai. Ein Meer aus glitzernden Hochhäusern, die sich am Horizont in gleißender Hitze nach oben schrauben. Dazwischen mehrspurige, teils übereinander gebaute Stadtautobahnen. Das Ballett Theater Pforzheim gastiert in Dubai-Stadt, ausgewählt vom Land Baden-Württemberg, um sein Repertoire als zeitgenössische Tanzkompanie auf der Expo 2020 vorzustellen. Knapp 4800 Kilometer entfernt von Pforzheim. Läuft man hier zu Fuß durch die urbanen Schluchten, wo vor 40 Jahren nur Wüste war, zieht es sich. Nah ist hier nichts, auch wenn man trotzdem etwas schnell erreichen kann und sich Nähe plötzlich und unerwartet einzustellen vermag.

„Für mich war es am Anfang hart, in  so großer Nähe zum Publikum zu tanzen“, erzählt Willer G. Rocha vom Ballett Theater Pforzheim. Gemeinsam mit Mei Chen, Stella Covi, Fabienne Deesker und Mirko Ingrao ist der Brasilianer von Kompagniechef Guido Markowitz für dieses besondere Gastspiel ausgewählt worden. Markowitz und sein Stellvertreter Damian Gmür haben hierfür eigens Kurzfassungen ihrer Werke „Brahms – Glaube Liebe Hoffnung“ und „Wolken, die uns nicht tragen“ für den ungewöhnlichen Ort einstudiert.

Auftritte im Baden-Württemberg House

Getanzt wird vom 4. bis 7. November im Baden-Württemberg House, der Vertretung von Unternehmen in Baden-Württemberg auf der Weltausstellung. Es erzählt architektonisch mit seinem gewellten Holzdach von den Wäldern der Heimat, die man hier in der zugebauten Wüste vergeblich sucht. Man kann das Gebäude entweder über eine breite, gelbfarbige Terrassentreppe betreten, auf der übergroße Sitzkissen dazu einladen, sich bequem hinzufläzen oder durch ein Tor. Dieses hat die Form von Baden-Württemberg.

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Die fünf Tänzer der Pforzheimer Compagnie mit einem jungen Fan. Foto: Karabelas

Die Auftritte des Ballett Theater Pforzheim finden auf jener Fläche statt, wo die Terrasse endet, zwischen den Aufzügen zur Ausstellung über den Wirtschafts- und Technologiestandort Baden-Württemberg. Insgesamt 13 Mal tanzt das Quintett an vier Tagen die Stücke, meist erst „Brahms – Glaube Liebe Hoffnung“, dann wieder „Wolken, die uns nicht tragen“. Letzteres endet mit einem emotionalen Duett von Rocha und Mei Chen zu Klaviermusik.

In den Bann gezogen

Dieses Gastspiel ist für alle ein Härtetest. Werden Aura und Charisma der Choreografien und Tänzer so stark sein, dass das internationale Publikum stehenbleibt und zum Tanz strömt? Werden die Menschen von ihrem Smartphone aufblicken oder gar ihren Schlaf unterbrechen, in den manche auf den Sitzkissen gefallen sind? Als ob es die digitale Welt nicht gäbe, greift  Event-Manager Thomas Hochgruber vor jedem Auftritt zum Mikrofon und kündigt mit launigen Worten die gleich beginnende Vorstellung an.

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Ballett ein Freien auf der großen Terrassentreppe neben den Aufzügen. Foto: Karabelas

Und tatsächlich: Einen Meter vor den Tänzerinnen und Tänzern bleiben die von Brahms viertem Satz aus dessen 1. Sinfonie oder den elektronischen Klängen überraschten Menschen stehen, zücken die Smartphones und Kameras, schauen, staunen und lauschen, werden von den Bewegungen der Tänzer in Bann gezogen. Am Arm hebt Rocha seine Kollegin Stella Covi hoch in die Luft. Szenenapplaus. Dann wieder atemlose Stille.

Mit Tränen in den Augen

Rocha beschließt irgendwann, nicht mehr über Nähe und Ferne nachzudenken und sagt, er habe sich innerlich mit dem Publikum verbunden. Er schaut den Menschen beim Tanzen direkt in die Augen. Sie stehen vor ihm. Die Kinder trauen sich noch näher. Die Kommunikation beginnt. Tänzer und die Zuschauer fühlen und spiegeln sich. Die Stücke werden so immer expressiver. Zum Schluss haben manche Tränen in den Augen. Alles klatscht. Andere versenden ihre gerade gedrehten Smartphone-Videos. Wieder andere, vor allem aus dem saudi-arabischen Kulturraum fragen, was das genau für eine Kunstform sei.

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Mei Chen und Willer G. Rocha beim Pas-de-deux. Foto: Karabelas

Auch Hochgruber und die Prokuristin Isabella Jesemann sind beglückt, von dem, was sie sehen: „Es sind tatsächlich die Künstler, die uns die Leute ins Haus ziehen,“ sagen beide.

Am letzten Tag findet in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und Sima Performing Arts aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ein Austausch über zeitgenössische Choreografie statt. Der Workshop ist komplett überbucht. „Es ist das erste Mal, dass hier jemand aus Europa zeitgenössischen Tanz unterrichtet hat. Der Bedarf ist groß“, erzählt die freischaffende Kulturmanagerin Beata Stankevic. Der zeitgenössische Tanz in der Wüste soll eine Zukunft haben, wünscht sie sich.