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Wie tanzt man zum Thema Erinnerung? Adrien Ursulet und Alba Valenciano López versuchen es. Foto: Haymann
Wie tanzt man zum Thema Erinnerung? Adrien Ursulet und Alba Valenciano López versuchen es. Foto: Haymann
Das Ballettensemble des Theaters Pforzheim stürzt sich mit großer Energie in die Choreografie von Ballettdirektor Guido Markowitz. Foto: Haymann
Das Ballettensemble des Theaters Pforzheim stürzt sich mit großer Energie in die Choreografie von Ballettdirektor Guido Markowitz. Foto: Haymann
07.11.2016

Ballett startet mit den „Goldbergvariationen“ in die Saison

Pforzheim. Die fünf Männer tanzen das ruhige Thema vor, sie wiegen sich zu Bachs Klaviermusik aus den Lautsprechern synchron. Sie drehen, fallen, fangen sich. Erst zum letzten Akkord der Aria gehen die fünf Frauen den Tänzern entgegen und schwingen sich in deren Arme. Sie verbinden sich. Dann folgt die erste Variation: rhythmische Erfrischung und mehr Bewegung bei den Tänzern – kullern, stoßen, zucken und vieles mehr.

Dieser Tanz steckt voller Ideen, die aus der Gruppe heraus improvisierend entwickelt werden. Deshalb überzeugte das Ballett „Goldbergvariationen“ am Samstagabend zur Musik von Johann Sebastian Bach von Guido Markowitz auf der Podium-Bühne des Theaters Pforzheim insbesondere als gemeinschaftliche Ensemble-Leistung.

Getanzt wird in schwarzer Gymnastik-Kleidung in einem quadratischen mit weißem Boden ausgelegten Tanzpool. Wie in einer Arena sitzt das Publikum darum herum. Energiereiche Strecksprünge, das hektische Kopf-in-den-Nacken-Werfen sowie die provozierenden Blicke der Tänzer lassen sich hautnah erleben.

Wer neuen künstlerischen Tanz liebt, sollte sich diese Produktion nicht entgehen lassen. Allerdings müssen die Zuschauer dann auch bereit sein, sich auf inhaltlich wirre Zusammenhänge einzulassen.

Was hat das mit Schnee zu tun?

Im Programm ist das Stück angekündigt als ein „poetischer Bilderbogen zum Thema Schnee“. Zwar lassen irgendwann im ersten Drittel des Stücks die Männer (Johannes Blattner, Stefaan Morrow, Edoardo Vevelli, Adrien Ursu, Daan Visser) aus ihren Kapuzen-Shirts schwarze Daunenfusseln auf den weißen Boden schneien. Später sind die Frauen (Alba Valenciano López, Sara Escibano Maenza, Eleonora Pennacchini, Ana Rita dos Santos Brito da Torre, Evivan Wieren) gleichfalls dran. Aber mehr winterliches Szenario gibt es nicht.

Stattdessen dreht sich alles um das Thema Erinnerung. Vor Vorstellungsbeginn werden per Video schwarz-weiße Gesichter auf den Tanzboden projiziert; eine Stimme aus dem Off fragt sich, was die allererste persönliche Erinnerung ihres Lebens gewesen ist. Zwischen einzelnen Tanzepisoden werden per Lautsprecher sinnkriselnde Sprechtexte eingespielt. Sie kreisen um das Unvermögen, sich an die eigene Vergangenheit befriedigend zu erinnern. Allerdings sind diese essayistischen Gedanken (Textnachweis: Marcus P. Tesch) stilistisch leblos – und im Ausdruck oft missraten. Und was sie mit Bachs Goldberg-Variationen zu tun haben, erschließt sich eigentlich überhaupt nicht. So wird das Stück leider ziemlich beliebig.

Mal wird nach dem Prinzip der Körper-Musik-Mimesis getanzt, so dass etwa fließende Melodiebögen sich in gleitenden Arm- und Schulterbewegungen wiederfinden. Mal aber gilt dieses Prinzip nicht. Es kauern die Tänzer, wenn in der Musik der Kontrapunkt fluchtartig Auswege sucht. Auch wird im Verlauf des Tanzes die eingangs aufgeteilte Verteilung der Geschlechterrollen nicht mehr thematisiert. Es gibt schon immer mal wieder Begegnungen zwischen Frau und Mann, zwischen störendem einzelnem Tänzer und friedfertiger Gemeinschaft. Doch ein inhaltliches Ganzes formt diese Choreografie nicht daraus.

Was überzeugt, ist einzig die Tanzfreude des Ensembles. An die vielen und vielseitigen Bewegungsideen kann sich der Zuschauer aber im Einzelnen nicht mehr erinnern. Und vielleicht ist ironischerweise das die Botschaft der Produktion?

Schließlich werden gegen Ende mit schwarzer Kreide – neben vielen anderen Sprüchen – die Worte „Afraid of forgetting“ geschrieben, was so viel heißt wie „Furcht vor dem Vergessen“. Das Premierenpublikum jedenfalls nimmt es furchtlos hin. Das Stück wird mit großem Applaus gut aufgenommen.