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Blick in die Ausstellung „Barock – Nur schöner Schein?“ im Reiss-Engelhorn Museum Zeughaus in Mannheim.  Deck/Kaluza
Blick in die Ausstellung „Barock – Nur schöner Schein?“ im Reiss-Engelhorn Museum Zeughaus in Mannheim. Deck/Kaluza
Aus Elfenbein geschnitzte Flohfalle.
Aus Elfenbein geschnitzte Flohfalle.
06.10.2016

Barockausstellung in Mannheim

Eine Mini-Flöte? Ein Gefäß für Zahnstocher? Das grazil geschnitzte Röhrchen aus Elfenbein verrät dem Betrachter nicht auf Anhieb seine Funktion. Erst der Erklärtext im Mannheimer Museum Zeughaus gibt Aufschluss: Das Ausstellungsstück der Reiss-Engelhorn-Museen ist eine Flohfalle aus der Barockzeit.

Ihr Inneres wurde mit Honig ausgestrichen und mit blutgetränkter Watte gefüllt, um die Tierchen einzufangen. Das Ganze wurde dann in Perücke oder Kleidung versteckt. Mit kochendem Wasser machte die Oberschicht den Flöhen den Garaus. Die Flohfalle ist eines der vielen außergewöhnlichen Exponate der Mannheimer Ausstellung „Barock – Nur schöner Schein?“. Die Schau will mit Klischees aufräumen und zeigen, dass das Zeitalter mehr war als nur Pomp und Puder. Die Epoche soll in ihrer ganzen Vielschichtigkeit gezeigt werden. Nicht fehlen darf natürlich auch der große niederländische Barockkünstler Rembrandt (1606–1669). Zu sehen ist sein „Apostel Paulus“.

„Es ist nicht nur schöner Schein“, beantwortet Projektleiter Christoph Lind die Frage, die der Ausstellungstitel stellt. Der Barock sei zum Beispiel auch stark von Entdeckerfreude geprägt gewesen. „Es entsteht ein neuer Blick auf Europa“, sagt er. Landkarten gewannen an Bedeutung – sie galten aber als Geheimwissen und waren nicht für jedermann zugänglich. „Es wird schick, einen Globus zu haben, denn er suggeriert Macht.“

Mit dem Handel kamen neue Gewürze und Speisen in Mode. Kakao avancierte zum Getränk der Oberschicht. In der Kunst entstand als neue Gattung das Seeschlachtgemälde, wie Lind erzählt.

Auch der Würzburger Kunsthistoriker Stefan Kummer sagt, Barock sei weit mehr gewesen als nur Pomp – trotz der großen Schmuckliebe und dem ausgeprägten Hang zum Dekorativen. „Es gab sehr viel Ratio, Verstand und Wissenschaft.“ Barock sei nur ein Begriff für einen Abschnitt unserer Kultur, der sehr viel umfasse. „Den Barock hat es nie gegeben – es ist nur eine Frage, welche Merkmale wir unter diesem Begriff subsumieren.“

Zeit der Gegensätze

Die Mannheimer Ausstellungsmacher nehmen sich die Jahre zwischen etwa 1580 und 1770 vor und setzen sie als eine Zeit voller Widersprüche in Szene: Neben üppigen Rubensweibern herrschte etwa ein klassisch-antikes Schönheitsideal vor. Religiösen Wunderglauben gab es ebenso wie wissenschaftliche Rationalität. Es gab rauschendeFeste und verheerende Kriege. Die Schau stellt den historischen Originalen auch Arbeiten zeitgenössischer Künstler gegenüber: Beeindruckend ist zum Beispiel die ausgestellte Kostümkreation der Modeschöpferin Vivienne Westwood für eine Barock-Punk-Performance.

Auf rund 1200 Quadratmetern werden im Mannheimer Zeughaus etwa 300 Exponate gezeigt, darunter Leihgaben aus dem Kunsthistorischen Museum Wien. Viele Exponate versetzen in Erstaunen, wie die zerlegbare Figur einer Schwangeren aus Elfenbein und Holz oder ein Mini-Mikroskop aus dem 17. Jahrhundert.

Der Ausstellungsrundgang ist gegliedert in die sechs Themenkomplexe Raum, Körper, Wissen, Ordnung, Glauben und Zeit. Auch diese klare Aufteilung passt zum Barock. „Es war eine Zeit, in der man versuchte, alles durch eine überlegte Ordnung zu gestalten“, sagt Projektleiter Lind. Die Schau passt daher gut nach Mannheim mit der in Quadrate aufgeteilten Innenstadt. Ausstellungsbesucher können gleich einen Abstecher ins nahe gelegene Barockschloss machen.