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Die Dirigentin Sara Caneva hat noch Probleme damit, ihre musikalischen Vorstellungen auf das Südwestdeutsche Kammerorchester zu übertragen.  Ketterl
Die Dirigentin Sara Caneva hat noch Probleme damit, ihre musikalischen Vorstellungen auf das Südwestdeutsche Kammerorchester zu übertragen. Ketterl
05.02.2016

Beim Dirigentenpodium probt der Nachwuchs mit Profi-Orchestern

Es gehört viel zum Dirigentenberuf. Wer ein komplexes Gebilde wie ein Orchester kontrollieren will, braucht Überblick. Musikalität ist wichtig. Und noch etwas: Erfahrung. Und die hat nur, wer öfters vorm Orchester steht. Eine Gelegenheit, die selbst Dirigierstudenten nicht jeden Tag bekommen.

Seltener noch gibt es die Möglichkeit, mit professionellen Orchestern zu arbeiten. Abhilfe bietet da das Dirigentenpodium Baden-Württemberg, das in dieser Woche in Pforzheim stattgefunden hat.

Bewährungsprobe vor Profis

Aus Stuttgart ist Sara Caneva angereist. Schnell steht sie vorne, hat begonnen. Der Zeitplan ist straff. Mehr als eine Viertelstunde bleibt nicht.

Um Unsicherheit abzulegen, mit dem Orchester warm zu werden – und möglichst noch die eigenen Interpretationsvorstellungen zu vermitteln. Das ist schwer. Keine Laien sitzen ihr gegenüber.

Es sind gestandene Musiker, teils seit Jahrzehnten im Geschäft. Sie haben schon Dutzende Dirigenten gesehen. Caneva fällt es schwer, eine Beziehung zum SWDKO aufzubauen.

„Nächste Frage, bitte!“, wird sie später sagen, wenn es um diese Viertelstunde ihres Dirigats geht. Denn eines kommt dazu. Sie ist erst seit Herbst in Deutschland; eine Verständigung mit dem Orchester fällt schwer – zumindest mit Worten.

Das aber muss kein Nachteil sein, sagt Professor Per Borin. „80 Prozent der Dirigenten reden sowieso zu viel. Das mögen Musiker nicht unbedingt“. Borin ist Canevas Betreuer. Sitzt hinter dem Orchester, mitten im kleinen Publikum aus weiteren Schülern und Professoren.

Am Anfang lässt er ihr freie Hand. Haydns 43. Sinfonie – „Merkur“ – liegt auf den Pulten. Es ist ein Puls darin, der das Stück stetig antreibt – und den es zu gestalten gilt. Caneva mahnt an, moniert Feinheiten. Schnell aber ist sie an der Nahtstelle des Satzes angekommen, an der sie sich in den nächsten zehn Minuten mit dem Orchester festbeißen wird. Es ist der Beginn der Durchführung, derjenige Satzteil, in dem der Komponist die zuvor vorgestellten Melodien auf immer neue Art zusammenstellt und daraus spielerisch etwas Neues erschafft.

Zurückgenommen sind Lautstärke und Ausdruck; ganz alleine setzen die Geigen ein. Der stetige Sog ist gewichen; nur tastend bewegt sich die Musik voran. Caneva setzt den Fokus auf einzelne Takte und Gesten – „Hier ist der dritte Schlag viel wichtiger als der erste“ – aber so richtig etwas raus kommt dabei nicht. Borin greift ein.

„Du musst mehr auf die größere Linie achten“, sagt er seiner Schülerin. „Dafür sind wir Dirigenten zuständig. Wir müssen den Musikern nicht jeden Takt vorgeben.“ Warum fällt es Caneva so schwer an diesem Vormitag? liegt es am Komponisten, Joseph Haydn? „Bei Haydn gibt es unglaublich viele verschiedene Herangehensweisen“, sagt Borin „Das macht es schon schwer, ihn zu dirigieren.“

Das findet auch Caneva. Wie gut, dass es da mehr als Haydn gibt auf dem Plan der Studenten.

Insgesamt vier Werke studieren sie ein. Nach den ersten beiden Tagen aber gibts einen gefürchteten Einschnitt.

Nicht alle schaffen es

Aus den acht Kandidaten werden fünf. Nur sie sind es, die beim Abschlusskonzert vors SWDKO treten dürfen. Spätestens jetzt hat Caneva ihren schwierigen Einstand vergessen. Sie hat es unter die Ersten geschafft – und gestern zusammen mit dem SWDKO auf der Bühne des Weinbrennersaals in Baden-Baden gestanden. Nur die Haydn-Sinfonie – die hat ein Anderer dirigiert.