nach oben
15.02.2019

Berlinale im Umbruch: Was kommt nach Kosslick?

Berlin. Er ist der Mann mit dem roten Schal und dem schwarzen Hut auf dem roten Teppich, immer gut zu erkennen, selbst von oben oder hinten. Dieter Kosslick (70), geboren in Pforzheim und aufgewachsen in Ispringen, hat die Berlinale 18 Jahre lang als Direktor geprägt. Dieses Jahr herrscht bei dem Festival Abschiedsstimmung. Zugleich sind viele gespannt auf den Neubeginn.

Im Juni werden Carlo Chatrian (47) und Mariette Rissenbeek (62) als Doppelspitze die Leitung übernehmen. Noch halten sich die Neuen zurück und werden im Getümmel nur von Insidern erkannt. Von Chatrian gibt es ein verwischtes Bild, ein Phantom im Treppenhaus. Rissenbeek war vorab bei einer Podiumsrunde zu Gast und sprach über den deutschen Film. Auf den angekündigten Moment, das Trio aus alter und neuer Leitung einmal zusammen zu sehen, warteten die Fotografen bei der Berlinale bislang vergeblich.

Der Wettbewerb um die Berlinale-Bären neigte sich am Donnerstag schon dem Ende zu, einen Tag früher als sonst. Das lag daran, dass ein Film mitten im Festival gestrichen wurde: „One Second“ von Zhang Yimou. Als Grund wurden von den Machern „technische Probleme“ bei der Post-Produktion genannt. Nach Einschätzung erschien es auch nicht ausgeschlossen, dass Zhangs Film Opfer der strengen chinesischen Zensur wurde.

Wehmut nach einer Ära

Die Preise werden am Samstag verliehen. Es ist ein durchwachsener Jahrgang mit einigen sehenswerten Filmen, aber ohne spektakuläre Momente. Die Branche diskutierte über Netflix und das schlechte deutsche Kinojahr 2018. Stars wie Tilda Swinton und Catherine Deneuve kamen, beide quasi Stammgäste in Berlin. Die Berlinale fühlt sich an wie immer. Zugleich herrscht Wehmut wegen des Endes der Ära Kosslick – er hat das Festival mit Expertise, Knuddelcharme und Holterdipolter-Englisch geleitet. „Ich werde ihn vermissen“, sagt Diane Kruger, Hollywoodstar aus Niedersachsen. Kosslick habe es geschafft, die Berlinale „aus dem Tiefschlaf“ zu wecken, sagt Iris Berben. Die Schauspielerin verweist auf eine der großen Leistungen von Kosslick: Er hat dem deutschen Film wieder eine Plattform gegeben.

Im Wettbewerb war in Nora Fingscheidts Drama „Systemsprenger“ zu sehen, wie stark das hiesige Kino sein kann. Fatih Akin, der auf der Berlinale seinen Film „Der Goldene Handschuh“ vorstellte, lobt ebenfalls Kosslicks Verdienste um den deutschen Film. Er gehörte aber auch zu den Filmschaffenden, die sich für einen Neubeginn der Berlinale aussprachen. Was soll nun also mit dem Wechsel anders werden? „Kosslick hat das Festival vergrößert, ein Publikumsevent daraus gemacht, das sich längst selbst finanziert durch das zahlende Publikum“, sagt Akin. Kosslick habe die Menschen in Berlin in Sachen Kino erzogen, wenn etwa Taxifahrer Sendungen über Arthousefilme hörten.

Jetzt sei vielleicht die Zeit, in der man wieder zurückfahren müsse, um die Qualität der Filme herauszustellen. „Das hat mit der heutigen Zeit zu tun, nicht mit Kosslick“, sagt Akin. Andere finden genau das Große gut: Jedes Jahr laufen an elf Tagen 400 Filme. Mehr als 300.000 Karten werden verkauft. Kinofans nehmen sich für das Festival extra Urlaub und verfallen in einen einzigen Filmrausch. In Cannes und Venedig, wo man dank öffentlicher Gelder weniger auf den Verkauf von Kinokarten angewiesen ist, sind die Programme dagegen deutlich konzentrierter.

Neuer Termin nach den Oscars

Neu auch ist der Berlinale-Termin für 2020. Nachdem die Oscarverleihung auf den 9. Februar vorverlegt wurde, rückt die 70. Berlinale nach hinten und wird von 20. Februar bis 1. März stattfinden. Dann kollidiert sie nicht direkt mit Hollywood.