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Der gebürtige Pforzheimer und Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Foto: dpa
Der gebürtige Pforzheimer und Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Foto: dpa
24.11.2017

Berlinale-Chef Dieter Kosslick unter Druck

Er ist der gut gelaunte Mr. Berlinale, der auf dem roten Teppich die Stars herzt. Rund um das seit 16 Jahren von dem in Pforzheim geborenen, in Ispringen aufgewachsenen Dieter Kosslick geleitete, größte deutsche Filmfestival rumort es allerdings schon seit geraumer Zeit. Zu beliebige Filme, zu beliebige Glamourauftritte, lautet ein Vorwurf. Jetzt fordern zahlreiche Starregisseure in einer Erklärung einen kompletten Neuanfang – auch um das Festival gegen die Konkurrenz aus Cannes und Venedig in Stellung zu bringen.

Wenn der Vertrag des Chefs der Internationalen Filmfestspiele Berlin 2019 ausläuft, müsse das Festival ganz neu ausgerichtet werden. Inhaltlich – aber wie zwischen den Zeilen zu lesen ist, auch personell. Das verlangen preisgekrönte Filmemacher wie Fatih Akin, Maren Ade, Doris Dörrie und Volker Schlöndorff. „Die Neubesetzung der Leitung bietet die Chance, das Festival programmatisch zu erneuern und zu entschlacken“, heißt es in der Erklärung von 79 Regisseuren.

Ziel müsse es sein, „eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen“. Für eine Neubesetzung ist Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) zuständig. Die Filmemacher schlagen vor, eine internationale, zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzte Findungskommission einzusetzen, die auch über die grundlegende Ausrichtung des Festivals nachdenken solle. Der Sprecher von Grütters erklärte, die Staatsministerin befinde sich seit geraumer Zeit in einem „offenen Austausch zu perspektivischen Fragen der Berlinale“. So habe sie sich Mitte September auch mit Unterzeichnern der bereits im Mai an Grütters gegangenen Erklärung „zu Fragen der strukturellen und personellen Neuausrichtung“ ausgetauscht. „Als ein Ergebnis wurde vereinbart, Möglichkeiten zu einer transparenten Debatte über die zukünftige Struktur und inhaltliche Ausrichtung der Berlinale anzubieten.“ Auf Einladung von Grütters gibt es am 4. Dezember eine Podiumsdiskussion. Es solle öffentlich über die Perspektive der Berlinale und die künftige Intendanz diskutiert werden.

Kosslick erklärte, er könne den Wunsch der Filmemacher nach einem transparenten Prozess der Neugestaltung verstehen. „Die Zukunft der Berlinale ist uns allen ein Anliegen“, so der Festivalchef. „Der Aufsichtsrat hatte mich aufgefordert, einen Vorschlag zu einer möglichen Neustrukturierung der Berlinale zu unterbreiten. Diesen Vorschlag werde ich – völlig unabhängig von meiner Person – dem Aufsichtsrat vorlegen.“

Viele der Unterzeichner der Erklärung haben in den vergangenen Jahren selbst Filme auf der Berlinale gezeigt, darunter Rosa von Praunheim, Schlöndorff oder Anna Zohra Berrached. Regisseure wie Akin und Ade zählen zu den Bären-Gewinnern. Immer mehr Regisseure, etwa Akin und Ade, schickten ihre Arbeiten zuletzt aber lieber nach Cannes und Venedig. Tom Tykwer, der Juryvorsitzender der nächsten Berlinale (15. bis 25. Februar 2018) ist und die Erklärung nicht unterschrieben hat, feierte die Premieren seiner letzten zwei Filme bei den Festivals in New York und Toronto.

Zerwürfnis mit Weinstein

Dass Kosslick in den vergangenen Jahren auch nicht mehr die ganz großen Hollywood-Produktionen nach Berlin holen konnte, mag möglicherweise auch einem Zerwürfnis mit dem derzeit unter vielfachem Missbrauchsverdacht stehenden Harvey Weinstein geschuldet sein. Er habe mit Weinstein einige Desaster erlebt und sei geschäftlich unter Druck gesetzt worden, sagte Kosslick kürzlich. Er habe dann den Kontakt zu dem Filmproduzenten abgebrochen. „Dann war man eigentlich am Ende als Festivalleiter, wenn man sich mit Harvey Weinstein angelegt hat“, so Kosslick. In den meisten seiner Festivaljahrgänge gelang es ihm aber, politisch brisante, international Furore machende Filme im Wettbewerb um den Goldenen Bären zu zeigen.