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Noch sind die Regale voller Bilder, doch Claudia Reutter will und muss sich von ihrer Kunst trennen – auch am kommenden Wochenende.  Foto: Meyer 

Bilderverkauf auch für PZ-Aktion „Menschen in Not“: Claudia Reutter löst ihr Atelier auf

Pforzheim. Sie kennen sicherlich Udo Jürgens’ unverwüstlichen Schlager „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an…“ Das wiederum trifft auf kaum jemanden so sehr zu wie auf die Malerin Claudia Reutter: Alles neu macht der Dezember. Warum? Weil sie genug hat – von mehrfachen Kündigungen wegen Eigenbedarfs, von einem dunklen, im Winter bitterkalten Atelier, von ihrer WG in der Friedenstraße. Und so bricht die 66-Jährige auf zu neuen Ufern – befreit von allerlei Ballast und notgedrungen von vielen ihrer Bilder. „Jetzt ist Schluss – und etwas Neues fängt an“, sagt sie.

Claudia Reutter ist eine Frau mit Mut, der sie durch ihr Leben trägt, der sie immer wieder das Wagnis eines Neustarts eingehen lässt. Fast immer mit ungewissem Ausgang. Das fängt schon nach der Schule an. Als Adoptivtochter einer Familie in Erdmannhausen ist der Vater, ein Architekt, ihr großes Vorbild, regt sie zum Malen an. Doch was tun nach dem Realschulabschluss? Sie beginnt eine Lehre als Bauzeichnerin. Und der Vater stellt fest: Mit ihren „grafischen Kunstwerken“ kann kein Handwerker etwas anfangen. Dann doch lieber in die WerkKunstSchule Merz in Stuttgart. Dort wird sie – aufgrund ihrer überzeugenden Bewerbungsmappe – schnell angenommen, entwickelt ihre Vorliebe für Kalligrafie.

Doch dann kommen die vier Kinder zur Welt, Claudia Reutter ist Hausfrau – und in ihrer Ehe unglücklich. Nach zehn Jahren steigt sie aus. „Mein Bruder hat mich gefragt, warum ich eigentlich nicht wieder male“, erinnert sie sich. Das ist 1994, und sie beginnt von vorne: Mietet sich ein winziges Atelier in der Wagnerstraße. „Mein kleines Paradies.“ Um sich das leisten zu können, geht sie putzen. Verlangt von sich selbst, täglich mindestens eine Skizze anzufertigen – trotz der wenigen Zeit, die sie als alleinerziehende Mutter von drei Töchtern im Teenageralter und einem kleinen Sohn hat.

Ein Jahr später dann der Wendepunkt: die erste Ausstellung – im Friseursalon der Sadlers. Die teils großformatigen Bilder kommen gut an, Möbelhäuser nehmen sie in Kommission, und Claudia Reutter beginnt einen Halbtagsjob beim Einrichtungshaus Schweizer. In dieser Zeit findet sie auch ihre Themen: die großen Tulpenbilder, die Gräserlandschaften, die Gemälde rund um Essen, Trinken, häusliche Gemütlichkeit. Sie verkauft gut, hat Stammkunden.

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Bildergalerie

Malerin Claudia Reutter löst ihr Atelier auf

Aber die Wirtschaftskrise 2001 hinterlässt Spuren. Die damals 48-Jährige fasst sich ein Herz, macht sich 2002 selbstständig. Die Kinder sind ausgezogen – und Claudia Reutter kann und muss malen: „Von sieben Uhr morgens bis in die Nacht.“ 2009 geht das nicht mehr: Burnout. Doch die „Stehauf-Frau“ findet wieder einen Weg aus der Krise, macht sich ein Gedicht von Mascha Kaleko zu eigen:

„Sei klug und halte dich an Wunder“, heißt es da.

Ihre Kraft ist allerdings nicht mehr wie früher, auch wenn sie sich um ihre alte Mutter kümmert, jahrelang Tapisserien restauriert, mehrfach umziehen muss und vor fünf Jahren das Atelier an der Kanalstraße bezieht.

Ruhiger will sie es jetzt haben, alles an einem Ort. Und findet im Arlinger Hochhaus ihr Alters-Domizil. Dort gibt es Platz zum Wohnen und Malen, „auch wenn die Rente nicht für die Miete reicht. Aber das wird schon irgendwie gehen“. Deshalb trennt sie sich jetzt von vielen ihrer Gemälde und Kalligrafien. Verbunden mit einer Spende für „Menschen in Not“. Auch wenn sie selbst nicht viel habe, „will ich etwas weitergeben.“

Jede Menge Kalligrafien und Bilder warten auf die Käufer –zu reduzierten Preisen. Verschleudern will sie ihre Kunst allerdings nicht, wobei sich die Wertschätzung, die sie sich wünscht, nicht unbedingt in Euro ausdrücken lässt. An diesem Wochenende, 28. und 29. November, 13 bis 16 Uhr ist ihr Atelier in der Kanalstraße 13 geöffnet. Außerdem nach telefonischer Anmeldung (0151) 19333820.

Sandra Pfäfflin

Sandra Pfäfflin

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