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In Jacopo da Pontormos „Venus und Amor“ kommt es zu einigen frivolen Verrenkungen.  Foto: Städel
In Jacopo da Pontormos „Venus und Amor“ kommt es zu einigen frivolen Verrenkungen. Foto: Städel
27.05.2016

Bildvortrag mit Claudia Baumbusch: Die jungen Wilden von Florenz

So richtig angenehm ist es nicht, Maler zu sein im Italien des 16. Jahrhunderts. Denn besser als die Vorbilder Raffael, Michelangelo oder Leonardo kann man es ja eigentlich nicht machen. Haben die nicht jedes bekannte Sujet schon mustergültig auf die Leinwand gebracht und Werke für die Ewigkeit geschaffen, die zu wiederholen müßig wäre? Das Ende der Kunst? Mitnichten. Denn wenn man’s nicht besser machen kann, muss man’s eben anders machen. Und anders machen es die sogenannten Manieristen, die „jungen Wilden“ in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Florenz. Was dabei herauskommt, zeigt die gefeierte Ausstellung „Maniera“ im Frankfurter Städel-Museum.

Anhand dieser Werke hat die Kunsthistorikerin Claudia Baumbusch einen ihrer beliebten Bildvorträge im ausverkauften PZ-Forum gehalten – und eine Malergeneration vorgestellt, die zwischen den Stühlen steht: Für die Höhepunkte der Renaissance sind sie zu jung, den barocken Aufbruch der Gegenreformation bekommen sie auch nicht mehr mit. Was tun? Sie müssen extravagant werden – und ganz eigen dazu. Ganz ohne Vorbilder geht das nicht. Wenn Giorgio Vasari, der erste Kunsthistoriker der Geschichte, beschreibt, wie die Neuen malen, behilft er sich mit einem Vergleich. Sie malen nach der „maniera moderna“, nach der „neuen Handschrift“, die sich erstmals bei Michelangelo zeigt. Der aber hat Florenz den Rücken gekehrt und weilt in Rom – die Manieristen können nun am Arno schalten, wie sie wollen.

Wichtige Auftraggeber

Doch ohne Auftraggeber geht es nicht. Ein Glück, dass es da die Medici gibt; Florenz’ mächtigste Familie. Immer wieder werden sie vertrieben im Chaos der Fehden und Staatsstreiche. Aber sie kommen immer wieder zurück – und das mächtiger als zuvor. An ihrem Hof, auch an den vielen Klöstern der Stadt gibt es genug zu tun für solche Künstler wie Jacopo da Pontormo oder seinen Schüler Agnolo Bronzino. Sie entwickeln Extravaganzen, deren verbindendes Moment der Regelbruch ist. Das, was das „Decorum“, also der Anstand, fordert, taugt ihnen nicht zum Maß. So bei Rosso Fiorentinos „Madonna mit Kind und dem Johannesknaben“. Die beiden Jungen schauen nicht verklärt ins Leere, sie sind lebendig, echte Kinder. Wie da Christus lacht, verschmitzt und keck, als ob er einen frechen Witz gemacht hätte. Und drückt nicht die Mutter den widerspenstigen Kopf zurecht? So ganz fromm will das nicht aussehen, und auch Maria nicht, in ihrem luftigen Kleid, mit durchschimmernder Brust und Bauchnabel.

Ein Gemeinschaftswerk

Dass eine selbstbewusste Sinnlichkeit den Manieristen nicht fremd ist, zeigt auch Pontormos „Venus und Amor“ – ein echtes Gemeinschaftswerk, stammt doch die Konzeption von Michelangelo, die malerische Ausführung aber von Pontormo. So wollte es der extravagante Auftraggeber Bartolomeo Bettini, ein angesehener Florentiner Bankier, in dessen Gemächern das Gemälde hängen sollte, mit seinen sich verschlingenden Körpern, dem lustvoll angedeuteten Kuss zwischen Liebesgöttin und Liebesgott und dem so delikat platzierten Füßchen. Dahinter dunkel drohende Landschaft, ein sich plusternder blauer Stoff – und ein enigmatisches Maskenspiel zur Linken. Dass die Malerei der Bildhauerei überlegen ist, auch das will Pontormo zeigen – mit dem Reichtum der Farbe und ihrer Fähigkeit, die Figur in den Kontext ihrer Umgebung zu stellen. Er zeigt es. Noch mehr aber zeigt er etwas anderes: Dass es immer noch genug zu malen gibt.