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In der Choreographie „45“ von Damian Gmür tanzen Selene Martello und Abraham Iglesias Rodriguez.  Foto: Haymann 

Bizarre Bewegungssprache: Ballett-Abend als Theater-Debüt in der Corona-Krise

Pforzheim. Was bedeuten Hygieneregeln in der Pandemie für Ballett-Aufführungen? Die beiden zeitgemäß unter dem Titel „Changes“ zusammengefassten Tanzwerke von Damian Gmür und Odbayar Batsuuri, die im Großen Haus des Pforzheimer Stadttheaters vor knapp Hundert Zuschauern als Theater-Debüt in der Corona-Krise Premiere hatten, zeigen eigenwillige Verwandlungen ursprünglich als körpernah konzipierter Tänze. Die Sehnsucht nach Berührungen steigert sich zu elektrisierenden Formen dynamischer Bewegungs-Meditation. Da versammeln sich auf der Bühne gleichsam Abstand haltende, verstörte Bhagwan-Jünger zum kultischen Ritus.

Gmürs zweiteiliges Stück „45“ spielt auf die Zentimeter an, die als (gegenwärtig auf anderthalb Meter ausgedehnte) Schutzzone des Menschen gelten. Die Choreographie spiegelt ein und denselben Vorgang in einer lichthellen und in einer schattendunklen Version: die Vereinigung von Mann und Frau als Erlösung – das eine Mal in zögerlicher Zärtlichkeit, das andere Mal ängstlich mit gewaltsamer Wucht. In der ersten Version sind die jeweils vier Protagonisten, zwei Frauen und zwei Männer, mit creme-farbenen, orangebraunen und dunkelbraunen Kleidern indisch kostümiert. Zu dem von Fabian Schulz komponierten Sound, der das Weihnachtslied „Zu Bethlehem geboren“ elektronisch verfremdet, windet sich anfangs eine Tänzerin auf einer schräg über die Bühne gelegten Lichtstraße. Mit segnend erhobenen Armen und Händen bilden die anderen drei Tänzer eine schützende Gasse. Dann formen die Akteure, indem sie sich an den vier Eckpunkten postieren, ein flexibles Quadrat, das fast die gesamte Bühne einnimmt. Öfters sind ihre Arme und Hände in Heilserwartung nach oben gestreckt und ihre Köpfe mit verklärten Gesichtern erhoben. Später agieren die Tänzer des Quartetts taumelnd in sich versunken.

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Ballett-Abend als Theater-Debüt in der Corona-Krise

Im zweiten Teil von Gmürs Choreographie gehen vier andere, nun nachtblau gekleidete Protagonisten auf dunkler Bühne mit militärischer Härte vor. Zu stampfenden Rhythmen schütteln sich chaplinesk ihre Körper und münden in verquere Kriechgänge ein. Die Vereinigung eines Paares ist auch weniger liebevoll als in der ersten Sequenz: Das Mädchen presst sich auf den bäuchlings liegenden Partner.

Batsuuris szenisch angelegtes Tanzstück „Falling Faces“ zeichnet sich durch eine von abenteuerlich verzerrten Körperschrauben geprägte Bewegungssprache aus. Die mit je drei Frauen und Männern besetzte Tanzgruppe bietet in blumenbunten Hemden und flattrig weißen Hosen nicht etwa Flowerpower, sondern setzt sich programmatisch mit den modernen Methoden der Gesichtserkennung auseinander, vor allem mit den Folgen dieser gefühlskalten Technologie. Im Zentrum maschinenhaft präziser Körperaktionen zu Ulf Langheinrichs Weltmusik-Sound steht die Paarung zweier männlicher Personen, die einen wilden Pas de deux absolvieren.

Die auf flachen Sohlen vertanzten Choreographien bieten eine Fülle bizarrer Bewegungserfindungen. Bei der Premiere hatten Publikum und das Ballettensemble ihre Freude daran.