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Weltmusik in der Brötzinger Christuskirche: Andre Tsirlin, Giora Feidman, Murat Coskun, Muhittin Kemal Temel, Gürkan Balkan und Hila Ofek (von links). Foto: Ketterl
Weltmusik in der Brötzinger Christuskirche: Andre Tsirlin, Giora Feidman, Murat Coskun, Muhittin Kemal Temel, Gürkan Balkan und Hila Ofek (von links). Foto: Ketterl
11.01.2019

Botschafter des Friedens: Giora Feidman Sextett gastiert mit „Klezmer For Peace“ in Pforzheim

Pforzheim. Ganz leise, gerade noch hörbar erklingt die Klarinette im hinteren Kirchenraum. Gemessenen Schrittes schreitet Giora Feidman nach vorne, während sein Instrument sanft in die Gehörgänge schleicht. Mal neigt sich der Musiker nach links, mal nach rechts zu den gut 300 auf den Bänken sitzenden Zuschauern. Vor der Bühne angekommen, wo ihn seine fünf Mitmusiker erwarten, steigert er die Lautstärke der jüdischen Melodie „Happy Nigun“ ins schrill Triumphierende.

So pflegt der 82-Jährige seine Konzerte einzuleiten. Und so tut er das auch in der Brötzinger Christuskirche. Dort sind seine Konzerte eine liebgewordene Tradition: Nachdem der Ausnahmekünstler 2015 die Pforzheimer mit Jazz- und vor zwei Jahren mit Beatles-Interpretationen mitriss, gastiert er diesmal mit Klezmer. Kein anderer steht derart für jenen Klang der im Judentum der osteuropäischen „Schtetl“ wurzelnden Musik, die sich auf Hochzeiten und anderen Festen mit heiteren Tänzen und klagenden Melodien ausdrückte. Im Dienst von Frieden und Völkerverständigung machte Feidman schon „Weltmusik“, als dieser nüchterne Begriff noch nicht mal erfunden war.

Für sein aktuelles Ensemble schart er Künstler aus der Türkei und Israel um sich, um erneut die Grenzen von Generationen und Religionen zu sprengen. Der Percussionist Murat Coskun zählt zu den renommiertesten Rahmentrommlern. Mit Gürkan Balkan an Gitarre und Oud sowie Muhittin Kemal Temel an der türkischen, geheimnisvoll tönenden Zither (Kanun) sorgt er für eine orientalische Note. Hila Ofek (Harfe) und Andre Tsirlin, die ansonsten das Jerusalem Duo bilden und auch verheiratet sind, wie sich im Laufe des mehr als zweistündigen Konzerts herausstellt, fügen dem Klangbild Klezmer-, Klassik- und Folk-Tupfer hinzu.

Das Sextett spielt zumeist Titel des aktuellen Albums „Klezmer For Peace“. Die Musik vereint arabische und türkische Motive mit jüdischen Klezmer-Ideen – fremd und vertraut zugleich. Die Stimmung changiert zwischen tiefer Melancholie, blühender Hoffnung und ausgelassener Lebensfreude. Feidmans Klarinettenspiel hat nichts an Faszination verloren: Er beherrscht wehmütig leise Töne so perfekt wie virtuos sich aufbäumende Akzente. In seinen Händen scheint das Instrument zu schluchzen, zu spotten, zu jauchzen oder zu weinen.

Immer wieder zieht sich der Altmeister in den Hintergrund zurück, lässt seinen Musikern solistische Freiheiten. Mit lebhaften Rhythmen und facettenreichen Timbres begeistert Coskun, eindrucksvoll sein Kehlkopfgesang bei einem Stück aus eigener Feder. Tsirlins Sopransaxofon, dessen biegsamen, sensiblen Sound er voll ausschöpft, besticht durch kristallklaren Klang. Für eines der vielen Glanzlichter sorgt die Harfenistin Ofek mit ihrer Interpretation von Isaac Albeniz’ „Asturias“.

Feidman umarmt sein Publikum mit ausgebreiteten Armen. Er spielt Lieder wie „Dona Dona“ oder „Shalom Chaverim“ nur kurz an, ehe fast alle Konzertbesucher zum Chor einstimmen. Schade, dass seine deutsch-englischen Moderationen häufig verhallen, wenn er sagt, dass er sich in Deutschland wohlfühlt. Oder dass es zu viele Krisen in der Welt gibt.

Dank seiner Warmherzigkeit und großen Ausstrahlung versteht dennoch jeder, dass es bei Feidman nur eine Sprache gibt: die Musik. Mit dieser Botschaft schafft er etwas Verbindendes, lautstark bejubelt und mit Ovationen gefeiert.

Und während die Welt für viele aus den Fugen zu geraten scheint, hält er – unter der Friedenstaube und dem Altargemälde von Martha und Maria – mit einer zärtlichen Version dagegen: „What A Wonderful World“. Gänsehaut!