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William Boyd 

Boyds „Blinde Liebe“: Bewegendes Lesevergnügen

Zürich. Wie im Flug vergehen die 500 Seiten von William Boyds neuem Roman „Blinde Liebe“, bis es beim Zuklappen im Erinnerungsgebälk knirscht: Wann hat man zuletzt ein so kristallklar sprudelndes Lesevergnügen serviert bekommen? Literarisch auf hohem Niveau, spannend, bewegend und federleicht zugleich erzählt der schottische Autor von der Liebe zwischen dem Klavierstimmer Brodie Moncur und der Sängerin Lika Blum an der Nahtstelle zwischen 19. und 20. Jahrhundert.

Diese auch geografisch gewaltige Lesereise führt in den Jahren 1894 bis 1906 aus dem Dörfchen Liethen Manor im südlichen Schottland über Edinburgh, Paris, St. Petersburg, Nizza bis auf eine Insel namens Andamanen mitten im Indischen Ozean. Den sympathischen, überall als Könner gefragten Klavierstimmer Moncur führt seine Liebe zu der musikalisch weit weniger begabten, als Charakter aber mindestens genauso interessanten, schwer ergründlichen Sängerin Lika Blum auf eine unendlich lange Reise. Boyd entfaltet die Geschichte seiner Hauptfigur im Stil klassischer Literatur aus dem 19. Jahrhundert. Hier geht es auf raffinierte Art mit der Geschichte immer geradeaus weiter.Boyd hat als ausgesprochen vielseitiger Bestseller-Autor unter anderem eine James-Bond-Fortsetzung („Solo“, 2013) geschrieben. In diesem 15. Roman präsentiert er Charaktere, Schauplätze und die manchmal überraschende, immer glaubwürdige Handlung mit fast perfekter handwerklicher Sicherheit, sprachlich elegant und nie aufdringlich. Die Perfektion ist Schwäche zugleich. Was „Blinde Liebe“ fehlt, ist mal der vielleicht wahnsinnige Schritt über den Abgrund ins unbekannte Nichts, der ganz große Widerhaken, der eine Geschichte unvergesslich macht. Aber sei es drum. Das Versprechen von Lesevergnügen mit Anton Tschechow und Robert Louis Stevenson als Leitsternen hält jede Seite locker ein.