nach oben
In graublaues Licht getaucht sind die Szenen der Verdi-Oper „Otello“ im Festspielhaus Baden-Baden. Nur manchmal lässt ein blutroter Mond das grausame Ende erahnen. Foto: Jansch
In graublaues Licht getaucht sind die Szenen der Verdi-Oper „Otello“ im Festspielhaus Baden-Baden. Nur manchmal lässt ein blutroter Mond das grausame Ende erahnen. Foto: Jansch
Sonya Yoncheva als Desdemona. Foto: Jansch
Sonya Yoncheva als Desdemona. Foto: Jansch
15.04.2019

Buhrufe und Beifall zum Auftakt der Osterfestspiele: Robert Wilson inszeniert Verdis „Otello“

Baden-Baden. Das eindringlichste Bild steht am Beginn: Während der Wind tost, sinkt ein sterbender Elefant zu Boden, langsam streicht er sich noch einmal mit dem kleinen Haarbüschel am Schwanz über den Körper, ehe er in der Videoeinspielung in genau derjenigen Position verharrt, die er als Figur im Bühnenbild einnimmt. Eine Vorahnung dessen, was passieren wird, wenn das Ende eines einst Mächtigen naht?

Robert Wilson hat Verdis Oper „Otello“ zur Eröffnung der Osterfestspiele Baden-Baden in Szene gesetzt. So, wie man es erwarten konnte: Als Magier des Lichts mit über 100 Scheinwerfern die Szenerie von hinten beleuchtend, als Regisseur der stilisierten Bewegungen und Bilder, die manchmal an Oskar Schlemmers Triadisches Ballett und Kasimir Malewitschs suprematistische Bilder erinnern. Die Menschen als Spielball eines gnadenlosen Schicksals – getaucht in grau-blau-schwarzes Licht. Manchmal unter einem blutroten Mond versammelt und in giftgrüner Lichtwolke. Otello, Jago, Cassio und Roderigo – alle Männer sind in ihren Rüstungen gefangen. Weiß geschminkt und maskenhaft sind die Gesichter – auch die der Frauen. Kann das bei Verdi funktionieren? Das Premierenpublikum ist nicht überzeugt und reagiert mit Buhrufen für den 78-Jährigen.

Wilson verlässt sich in seiner Inszenierung weitgehend auf die Musik – und mit ihr hat Verdi in seinem Spätwerk Außergewöhnliches geschaffen: Jeder Takt der Partitur erzählt die shakespearsche Geschichte des maurischen Feldherrn, der durch die grausam kalkulierten Intrigen Jagos zum Mörder an seiner Ehefrau Desdemona wird.

Bei Zubin Mehta ist der geniale Musikdramatiker Verdi in behutsamen Händen. Nie grell, nie hastig und äußerst präzise klingen die Berliner Philharmoniker und der Philharmonia Chor Wien unter der Leitung des 82-Jährigen, der für seinen ersten „Otello“ noch von Herbert von Karajan gecoacht wurde. Und trotz aufbrausender orchestraler Wucht gleich zu Beginn in der Sturmszene sind es die eher leisen, fast kammermusikalischen Züge, die der Maestro an seiner „Lieblingsoper“ so zu genießen scheint, dass er sie möglichst lange auskostet.

Das macht es für die eh schon fast zur Bewegungslosigkeit verdammten Sänger nicht unbedingt einfacher. Vor allem Stuart Skelton als Otello gerät da an seine Grenzen, wirkt zum Teil überanstrengt und unsicher in der Höhe. Dennoch kann er mit seinem tragfähigen Tenor überzeugen. Auch Sonya Yoncheva scheint am Anfang angespannt – mit leichter Schärfe in der Höhe. Doch spätestens im vierten Akt mit dem anrührenden Lied vom Weidenbaum und dem zarten „Ave Maria“ zeigt sie sich ganz auf der Höhe ihrer Gesangskunst. Vladimir Stoyanow ist als Jago gerade im dritten Akt mit den Massenszenen ein gewiefter, aalglatter Intrigant, der auch mit seiner klar definierten Stimme schaudern lässt. Rollendeckend Anna Malavasi als Emilia, Francesco Demuro als Cassio und Gregory Bonfatti als Roderigo. Tosender Applaus des Premierenpublikums für die musikalischen Höhepunkte.