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Aktuelle Popmusik wird immer lauter abgemischt. Da kann so eine Gitarre schon richtig dröhnen – und auch die Ohren schädigen.  Fotolia
Aktuelle Popmusik wird immer lauter abgemischt. Da kann so eine Gitarre schon richtig dröhnen – und auch die Ohren schädigen. Fotolia
Dagmar Kurzen
Dagmar Kurzen
31.05.2016

CD-Aufnahmen werden seit Jahrzehnten immer lauter

Kurz vor Veröffentlichung ihres neuen Albums schickte die englische Band Radiohead die Single „Burn the Witch“ voraus – von Kritikern gelobt für ihre dichte Atmosphäre und Experimentierfreudigkeit. Doch die technische Umsetzung des langsam anschwellenden Songs erntete Kritik: Eine vertane Chance nennt sie der erfahrene Mastering-Ingenieur Ian Shepherd.

„Was wir bekommen, ist ein Song, der zurückhaltend und eingeschränkt ist.“ Von Anfang an, so Profi Shepherd, sei der Song sehr laut produziert – dabei könnte der ansteigende Effekt viel eindrucksvoller rüberkommen, wenn auch die Lautstärke langsam zunimmt.

„Burn the Witch“ ist ein Beispiel unter zahllosen für einen Trend in der populären Musik: Seit Jahrzehnten wird sie immer lauter, unabhängig vom Lautstärkeregler der Hörer. Das ruiniert den Musikgenuss, sagen Audio-Liebhaber und Musiktechniker. Sie kämpfen gegen den Lautstärkekrieg der Plattenlabels – und sehen nach vielen Jahren einen Hoffnungsschimmer.

Warum das Ganze? „Die Grundidee ist: Je lauter die Musik wahrgenommen wird, desto besser verkauft sie sich“, sagt Michael Oehler, Professor für musikalische Akustik an der Hochschule Düsseldorf – Studien zufolge ist dies aber ein Trugschluss. Zumindest am Anfang klingen die lauten Songs auch für viele Hörer hell und kraftvoll. Ein Album aus den 1970er-Jahren erscheint im Vergleich oft schwachbrüstig.

Und ja, in Maßen helfe das Vorgehen, räumen auch die Kritiker ein. Aber im Übermaß vernichte es das Zusammenspiel von lauten und leisen Stellen, die dynamische Spanne – wenn nicht sogar ungewollt Rauschen oder Knacken entsteht. Am Ende leide der Spaß an der Musik – und auch die Gesundheit. Die Folgen bemerkt auch die Pforzheimer Ohrenärztin Dagmar Kurzen. „Gerade bei Jugendlichen haben Hörschäden in meiner Erfahrung schon zugenommen – vor allem Hochtonschäden kommen häufiger vor.“ Gerade durch die ständige Beschallung aus den kleinen In-Ohr-Kopfhörern würde das Trommelfell in Mitleidenschaft gezogen. „Normalerweise sollte man höhere Töne ab circa zehn Dezibel wahrnehmen. Mit einem Hochtonschäden hört man sie erst bei ungefähr 20 bis 30 Dezibel. Das ist für 50-Jährige normal – aber nicht für 15-Jährige“, sagt Kurzen, die als Lösung vorschlägt: „Einfach leiser Musik hören – und am besten aus Muschelkopfhörern.“ Denn die seien weniger schädlich. Aber dass laute Musik – wider die Vernunft – mehr Spaß macht als leise, ist schon länger bekannt. Früh bemerkten Plattenfirmen, dass sich laute Songs in Jukebox und Radio besser durchsetzen. Doch die analoge Technik setzte schnell Grenzen. Erst das digitale Zeitalter bot neue Möglichkeiten im Mastering, dem letzten Schritt der Musikproduktion. „Fast alles ist bis an die Grenze gedrückt“, beschreibt Mastering-Ingenieur Shepherd. Der Engländer ist seit Jahren aktiv im Kampf gegen den Lautstärkekrieg – und weigert sich, selbst mitzumachen.

Doch wie funktioniert die Lautstärkeerhöhung technisch? Durch die sogenannte Kompression. Das Knallen der Snare-Drum wird leiser, das sanfte Gitarrenzupfen lauter. Damit kann die gesamte, nun gleichförmige Aufnahme näher hin zum Maximalwert gedrückt werden. Ohne Kompression würden die lauten Stellen verzerren, die leisen weiter untergehen. Doch übertreibt man es, können Aufnahmen trotzdem verzerren. Paradebeispiel: Das Metallica-Album „Death Magnetic“ aus dem Jahr 2008. Tausende beschwerten sich über die Klangqualität. Auch in der Kritik: Klassiker wie „Californication“ von den Red Hot Chili Peppers und „(What’s the Story) Morning Glory?“ von Oasis.

Wenige Ausnahmen

Was damals die Ausnahme war, sei heute die Regel, sagt Shepherd. „Es ist fast einfacher, ein Beispiel zu finden, das nicht superlaut ist.“ Zwei immerhin fallen ihm ein: Die neuen Alben der Superstars Beyoncé („Lemonade“) und Drake („Views“) seien recht zurückhaltend. „Ich hoffe zumindest, dass der Gipfel erreicht ist.“

Aber Shepherd will niemandem vorschreiben, wie er zu arbeiten hat – denn Lautstärke könne auch Stilmittel sein. Aber viele Kollegen fühlten sich gedrängt, alles auf Anschlag zu drehen. Doch wirklich zukunfstfähig ist dieser Wettlauf um die lauten Töne nicht. Denn auch die leisen Töne haben ihre Berechtigung – und sind sogar gesünder.