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Frank Castorf. Foto: dpa
Frank Castorf. Foto: dpa
06.03.2017

Castorfs Abschied: Intendant verlässt nach 25 Jahren Berliner Volksbühne

Berlin. Dieser Abschied war nur mit Ausdauer durchzuhalten. Als letzte große, mit vielen Stars besetzte Inszenierung an der Berliner Volksbühne zeigte Frank Castorf seine Version von Goethes „Faust“ – sieben Stunden lang. Als die Aufführung in der Nacht von Freitag auf Samstag kurz nach ein Uhr endete, applaudierten sich die erschöpften Schauspieler und Zuschauer gegenseitig. Der 65-jährige Castorf gab sich beim Verbeugen gewohnt lässig und kaute Kaugummi. Applaus und Jubel der Zuschauer, die durchgehalten hatten, waren enorm.

Die Titelrolle spielt Castorf-Schauspieler und Ex-„Tatort“-Kommissar Martin Wuttke. Faust wird als reichlich lächerlicher Mann gezeigt, dem Castorf zahlreiche Slapstick-Nummern verpasst hat. An der Seite des sexbesessenen Mephisto (Marc Hosemann) durcheilt Faust mal per U-Bahn, mal auf einem Dreirad sein Schicksal. Castorf verknüpft seine „Faust“-Variation mit dem Thema „Kolonialisierung“ – gespiegelt am Beispiel Algeriens. Ausstatter Aleksandar Denic hat dafür auf der Drehbühne eine kolonial-französisch angehauchte Szenerie gebaut. Die Inszenierung überrascht zunächst damit, dass Goethes zweiteiliges Drama gut zu erkennen ist. Doch je länger der Abend dauert, umso unverständlicher wird es. Das mit vielen Kalauern gespickte Puzzle aus Schabernack, Musical und Melodram, Agitprop und Albernheit ist oft nur sehr schwer zu entschlüsseln.

Die Schauspieler agieren mit Verve. Neben Martin Wuttke stechen Sophie Rois als Hexe und Famulus sowie Alexander Scheer mit einer kabarettistischen Parodie auf Castorfs Nachfolger Chris Dercon heraus. Sie liefern einige Kabinettstückchen. Doch zu einem schlüssigen Ganzen fügen sich die Einzelteile nicht zusammen.

Oft bleibt nur Ratlosigkeit

Die Aufführung ist stark, wenn sie Goethes Text vertraut. Doch Castorf übermalt die Vorlage oft, etwa mit ausufernden, sich nicht immer erschließenden Anspielungen auf Émile Zolas Prostituierten-Roman „Nana“. Auch die Assoziationen zum Befreiungskampf der Algerier gegen die französische Kolonialmacht lösen oft nur Ratlosigkeit aus. In der Pause und im zweiten Teil der Vorstellung verließen einige Besucher das Theater vorzeitig. Sympathisch ist, dass Castorf sich mit dieser Mammut-Inszenierung offenbar auch über sich selbst lustig macht. So heißt es einmal: „Einen Sinn muss das Ganze doch haben. Was bedeutet es? Und wenn es nichts bedeutet, warum ist es so lang?“ Diese Frage musste jeder Zuschauer nach mehr sieben Stunden für sich selbst beantworten.

Ganz will Castorf auch nach seinem „Faust“-Projekt noch nicht von seiner Volksbühne lassen. Eine „kleine Inszenierung“, was immer das heißen mag, soll im Juni noch folgen, kündigte das Theater an. Nach einem Vierteljahrhundert als Intendant verlässt Castorf die Volksbühne dann mehr oder weniger freiwillig. Um seinen umstrittenen Nachfolger Chris Dercon ist ein echter Kulturkampf entbrannt.