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Christoph Sieber sieht Europa am Abgrund.  Molnar
Christoph Sieber sieht Europa am Abgrund. Molnar
10.10.2016

Christoph Sieber im Kulturhaus Osterfeld

Zwei Stunden anhören, wie schlecht die Welt ist, danach ein Gläschen Prosecco und gut? Nicht so bei Christoph Sieber: Der Kabarettist wühlt auf, hinterlässt Fragen und jede Menge Botschaften. „Kabarett ist schön, man muss doch keine Konsequenzen ziehen“, sagt er ironisch. Doch genau das scheint ihm am Herzen zu liegen, unterstützt er doch selbst die Initiative „LifeBoat“, die nicht länger zuschauen will, wie Menschen im Mittelmeer ertrinken.

Christoph Siebers aktuelles Kabarettprogramm „Hoffnungslos optimistisch“, das ein großes Pu-blikum im Kulturhaus Osterfeld begeistert, ist voll von Sozial- und Gesellschaftskritik. Der Kleinkunst-Preisträger von 2015 wendet sich gegen Ungerechtigkeit und Profitgier, gegen das Wegschauen und Verdrängen. „Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass Deutschland Teil der Kriegsmaschinerie ist, dass in diesem Europa das Recht des Stärkeren gilt“, macht er mit seinem persönlichen Statement am Schluss noch einmal deutlich, was längst klar ist.

Den ganzen Abend redet, singt und empört sich Sieber, ohne Luft zu holen, wirft einen Gedanken nach dem anderen in den Raum.

Ein paar Beispiele: „Europa ist am Arsch“, „Demokratie braucht eine starke Opposition“, „Armut ist gewollt in dieser Gesellschaft“, „Bei uns dauert’s auch nicht mehr lange, bis wir einen Donald Trump bekommen“. Apropos Trump: Der stehe für den Sieg des Kapitals über die Demokratie. Wohlstand für alle? Die Zeiten seien längst vorbei, sagt der schwäbische Kabarettist, der immer dann auf die Pauke haut oder „Stimmung“ schreit, wenn diese gerade zu kippen droht. Mal schütteln sich die Zuschauer vor Lachen, mal hören sie nachdenklich zu. Zum Beispiel, wenn Sieber erklärt, warum Europa kaputt ist. Weil schon mehrere Tausend im Mittelmeer ersoffen sind. Weil drei Millionen Griechen ohne Krankenversicherung dastehen. Weil es unterernährte Kinder in Spanien oder Portugal gibt.

Flüchtlinge im Zentrum

Großbritannien mache bei der „Reise nach Jerusalem“ nicht mehr mit – dem Kinderspiel, das auch in Europa gespielt wird und bei dem immer einer der Depp ist. Neben Smartphone und Smarthome, Amazon und Zalando, Bildungslüge und Ernährung kommt vor allem ein Thema immer wieder zur Sprache: Flüchtlinge.

„Wir sollten dankbar sein, dass Flüchtlinge da sind“, sagt Sieber. So hätten wir Feindbilder, die wichtig seien, um die Gesellschaft zusammenzuhalten, um auf anderen herumzuhacken, wenn’s einem selbst nicht gut geht. Sarkastisch, polemisch und auch etwas schamlos ist sein Ton, dann etwa, wenn er Frauen als „klug, aber frigide“ bezeichnet.

In übertriebener Schlager-Manier singt er über „Verdrängen, Vergessen, Verleugnen, lass die Sorgen sein“ – oder brüllend wie Rammstein: „Schau einfach nicht hin“. Ein Gläschen Prosecco? Nein danke.