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Das Gemälde „Cestius-Pyramide mit Trauerzug“ stammt von Heinrich Louis Theodor Gurlitt (1812–1897) und gehört nun dem Kunstmuseum Bern. Fotos: Vincenz/Ertl
Das Gemälde „Cestius-Pyramide mit Trauerzug“ stammt von Heinrich Louis Theodor Gurlitt (1812–1897) und gehört nun dem Kunstmuseum Bern. Fotos: Vincenz/Ertl
Das Rodin-Kunstwerk stand in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt. Fotos: Vincenz/Ertl
Das Rodin-Kunstwerk stand in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt. Fotos: Vincenz/Ertl
Die Bonner Ausstellung geht dem Schicksal der Zeichnung von Menzel nach.
Die Bonner Ausstellung geht dem Schicksal der Zeichnung von Menzel nach.
Auguste Rodins Skulptur „Kauernde“ von 1882. Fotos: Vincenz/Ertl
Auguste Rodins Skulptur „Kauernde“ von 1882. Fotos: Vincenz/Ertl
12.01.2018

Claudia Baumbusch im PZ-Forum: Der „Fall Gurlitt“

Pforzheim. Es ist einer der spannendsten und vielleicht auch herausfordernsten Vorträge, die Claudia Baumbusch im PZ-Forum je gehalten hat. Zum Auftakt der neuen Saison beschäftigt sich die Kunsthistorikerin mit dem „Fall Gurlitt“, der zur Zeit in Ausstellungen in Bern und in Bonn beleuchtet wird.

Die Bundeskunsthalle unternimmt den Versuch, den Rest der Gurlitt-Sammlung mit ihren vielen losen Enden darzustellen und an ihr gleichzeitig das NS-Kunstraubsystem zu erklären.

International bekannt wird der noch rund 1600 Kunstwerke umfassende Nachlass des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895-1956) auf spektakuläre Art: Im Februar 2012 werden in der Schwabinger Wohnung seines Sohns Cornelius über 1200 zum Teil sehr wertvolle Kunstwerke von der Augsburger Staatsanwalt für mehrere Wochen beschlagnahmt. Ein Jahr später kommt der Fall an die Öffentlichkeit und eine mediale Hexenjagd auf den damals fast 80-Jährigen beginnt, zumal es immer neue Enthüllungen gibt, darunter auch ein weiterer Kunstfund in seinem Haus in Salzburg. Cornelius Gurlitt stirbt im Mai 2014 und vermacht die Sammlung dem Kunstmuseum Bern. Der menschenscheue Einzelgänger hatte in den vergangenen Jahrzehnten vom Verkauf der von seinem Vater zusammengetragenen Bilder gelebt. Doch wer war dieser Vater? Eine höchst ambivalente Persönlichkeit: Kunstfreund, gewiefter Geschäftsmann, skrupelloser Lügner.

Der Kunstfreund

Hildebrand Gurlitt wächst in einer kunstsinnigen Familie auf. Sein Vater ist Architekt, Kunsthistoriker und Professor an der Hochschule in Dresden, der Großvater Louis ein hochgeschätzter Landschaftsmaler, seine Großmutter Elisabeth entstammt einer gebildeten jüdischen Familie. Der Bruder ist Musikprofessor in Freiburg, die Schwester, die sich 1919 das Leben nimmt, Künstlerin. Sein Onkel präsentiert 1883 in seiner Berliner Galerie erstmals die französischen Impressionisten der deutschen Öffentlichkeit. Hildebrand studiert Kunstgeschichte und ist von den Malern der Dresdner Sezession begeistert. 1925 wird er Direktor des König-Albert-Museums in Zwickau, das er völlig umkrempelt und zu einem Hort avantgardistischer Kunst macht. Das erregt die Gemüter, vor allem die des „Kampfbunds für deutsche Kultur“ so lange, bis Gurlitt seinen Posten verliert. 1931 wird er Leiter des Kunstvereins Hamburg und setzt sein Engagement für die Moderne fort. Hier öffnet sich für ihn auch die Tür zum Kunsthandel, denn der Kunstverein verkauft auch Werke. Nur zwei Jahre später ist der 37-Jährige seine Stelle wieder los: Er missachtet die Anordnung am 1. Mai 1933 an allen öffentlichen Gebäuden die Hakenkreuzfahne zu hissen und lässt lieber den Fahnenmast entfernen. Ein Leben lang wird Hildebrand Gurlitt, der 1956 nach einem Autounfall stirbt, manchen Künstlern besonders verbunden bleiben, etwa Max Pechstein. Und behält bewusst auch als Händler viele Kunstwerke in seinem Besitz, etwa Rodins Marmorskulptur „Die Kaudernde“, die später auch die Wohnung seines Sohns ziert.

Der gewiefte Geschäftsmann und Kunsthändler Hitlers

Schon mit jungen Jahren beginnt Hildebrand Gurlitt, mit Kunst zu handeln. Als er seine Stelle in Hamburg verliert, macht er sich erstmals offiziell als Kunsthändler selbstständig. Allerdings 1933 unter dem Namen seiner Frau Helene und in der Privatwohnung, zumal die Reichskammer der Bildenden Künste zunehmend jüdische Händler aus dem Gewerbe drängt. Gurlitt tritt 1934 der Reichskammer bei – zu einer Zeit, als noch kein Ariernachweis erforderlich war. In seinem „Kunstkabinett Dr. H. Gurlitt“ zeigt er unter anderem Max Beckmann und verkauft aufgrund seiner exzellenten Beziehungen kräftig. Als Kenner dieser bei den Nazi als „entartet“ geltenden Kunst wird er ab 1938 zum wichtigen Vertrauten des NS-Regimes: Er sichtet die beschlagnahmten Kunstwerke und vermittelt sie für die Nazis gewinnbringend ins Ausland, unter der Hand auch an deutsche Sammler, und sichert vieles für sich selbst. Auch bei verfolgten oder vor der Flucht stehenden jüdischen Sammlern erwirbt er günstig. Dank seiner guten Beziehungen erhält er 1940 die Erlaubnis, in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten Kunst zu akquirieren und sie an deutsche Museen und Sammler zu verkaufen. Und er schließt Tauschvereinbarungen: Für sechs Werke, darunter ein Bild seines Großvaters Louis und zwei Kupferstiche von Dürer, erhält er 44 Bilder – von Beckmann, Kirchner, Kandinsky, Barlach. Ab Sommer 1943 ist Gurlitt in Frankreich, Belgien und den Niederlanden offiziell im „Sonderauftrag Führermuseum Linz“ tätig. Und liefert zwischen Mai 1941 und Oktober 1944 mindestens 300 Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Tapisserien im Gegenwert von knapp 9,8 Millionen Reichsmark für das geplante Museum – und damit letztlich an Adolf Hitler. Berichten zufolge soll Gurlitt an Transaktionen in einem Gesamtwert von bis zu 25 Millionen Reichsmarkt partizipiert haben.

Der Lügner und Täuscher

Hildebrand Gurlitt nimmt es mit der Wahrheit nachweislich nicht genau. Beim Verhör durch US-Besatzungsoffiziere gibt er an, „niemals die Nazis gewählt“ zu haben, führt seine jüdische Großmutter ins Feld und seinen Einsatz für die künstlerische Moderne. Gleichzeitig hält er den Großteil seines Kunstschatzes vor den Amerikanern versteckt und verhindert die Rückgabe zahlreicher Kunstwerke, indem er falsche Provenienzen angibt. Er behauptet, dass seine Geschäftsbücher im Krieg zerstört worden seien und keines der Bilder „aus jüdischem Besitz oder aus dem Ausland“ stamme – und erhält seinen Schatz 1950 mit wenigen Ausnahmen zurück. Auch sein „Entnazifizierungsverfahren“ bei der Spruchkammer in Bamberg wird eingestellt. Bereits 1949 kehrt er in Amt und Würden zurück und wird Leiter des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen, stellt seinen Kunstschatz für Ausstellungen in Luzern und Essen zur Verfügung. Gerne verleugnet er dabei seine Tätigkeit für die Nazis, etwa indem er vorgibt, nichts über den Verbleib der Werke aus der Sammlung des jüdischen Arztes Albert Martin Wolffson zu wissen, aus der er 1939 unter anderem 23 Blätter von Adolf Menzel erworben, ausgestellt, weiterverkauft und zum Teil für sich behalten hatte. Die Zeichnung „Inneres einer gotischen Kirche“, die bei Cornelius Gurlitt gefunden auftauchte, wurde im vergangenen Jahr an die Erbenvertreter von Elsa Helene Cohen, geborene Wolffson, restituiert. Als eines von bislang gerade mal sechs Werken, die die „Taskforce Schwabinger Kunstfund“ und die 2016 nachfolgende „Provenienzrecherche Gurlitt“ definitiv als Raubkunst belegen konnten. Was bleibt, ist der Verdacht.