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Caravaggios Gemälde „Wahrsagerin“ von 1596/97. Foto: Alte Pinakothek München
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Gerhard van Hornhorts „Kupplerin und Wahrsagerin“. Foto: Alte Pinakothek München
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Hendrik ter Brugghens „Die Spieler“. Foto: Alte Pinakothek München
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Dirck van Baburens „Die Kupplerin“. Foto: Alte Pinakothek München
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Valentin de Boulognes „Zusammenkunft in einem Wirtshaus“. Foto: Alte Pinakothek München

Claudia Baumbusch stellt Kunst Caravaggios und seiner Nachfolger vor

Pforzheim. Rom um 1600: Das Heilige Jahr hat hunderttausende Pilger in die Stadt gelockt, die allein schon über 100 000 Einwohner zählt. Bis 1630 allein 2700 Künstler. Unter ihnen auch ein „Rauf- und Saufbold“, wie Claudia Baumbusch in ihrem Vortrag im PZ-Forum schildert: Michelangelo Merisi, besser bekannt unter dem Namen seines Geburtsorts Caravaggio. Der verlässt die Stadt zwar bereits 1606 wieder (er flüchtet vor einer Mordanklage), aber er hinterlässt Spuren. Bis heute.

Noch bis 21. Juli widmet die Alte Pinakothek in München diesem Phänomen eines höchst erfolgreichen Kulturaustauschs eine große Sonderausstellung. „Utrecht, Caravaggio und Europa“, zeigt bildgewaltig auf, dass sicherlich ein Großteil der 572 damals in Rom lebenden ausländischen Künstler sein Werk gekannt haben dürfte.

Denn es war in seiner Motivwahl, in seiner Radikalität und in seiner Behandlung von Licht und Schatten bis 1630 stilbildend – in ganz Europa. Von ihm lernten die jungen Maler, mit Hässlichkeit und Schmutz, die ihnen in ihrem täglichen Leben in Rom begegneten, künstlerisch umzugehen. Jeder auf seine ganz eigene Weise, jeder ein Stück weit in seiner Nationalität verhaftet. Die Italiener, wie Bartolomeo Manfredi und Orazio Gentileschi, vielleicht noch eine Spur theatralischer, die Franzosen, wie Valentin de Boulogne und Simon Vouet, mit großer Eleganz und einem Blick für die haptische Qualität wertvoller Stoffe. Die Spanier, wie José de Ribera, mit einem deutlich milderen Blick auf die Welt, die sie umgab.

Denn viele wohnten im selben Viertel Roms, teilten sich die Unterkunft. Vor allem mit den „fiamminghi“, die dann als Utrechter Caravaggisten zu Ruhm, Ehre und Geldsegen kamen. Denn gerade in dieser holländischen Stadt, die ein großes Maß an Religionsfreiheit bot, fiel ihre Kunst auf fruchtbaren Boden. Zwar arbeiteten die Nachfolger Caravaggios vorwiegend an Heiligenbildern, Kreuzigungsthemen und blutrünstigen Enthauptungen nach Geschichten aus dem Alten Testament, wie bei David und Goliath oder Judith und Holfernes. Aber sie waren auch Zeugen ausschweifenden Lebens, wo getrunken, getanzt und gefeiert wurde, wo man Glückspiel und Liebeleien nicht abgeneigt war.

Und so erfreute sich vor allem Caravaggios „Wahrsagerin“ von 1595 als Motiv großer Beliebtheit. Denn es ist das nicht immer ganz harmlose Zusammentreffen von Männlein, das der Künstler hier festhält. Und da lohnt sich beim Bildervortrag von Claudia Baumbusch und in der Ausstellung ein zweiter Blick.

Caravaggios „Wahrsagerin“(1596/97)

Das Motiv der Zigeunerin ist im 17. Jahrhundert in Rom sehr beliebt. Und so wird die junge Frau auf dem Gemälde durch ihr turbanartiges Kopftuch als solche schnell erkennbar. Sie liest einem offensichtlich selbstbewusst sie anschmachtenden jungen Galan das Schicksal aus der Hand. Doch: Während sie ihm mit den Fingern die Handinnenfläche streichelt – ein eindeutiges sexuelles Angebot –, zieht sie ihm gleichzeitig mit dem Mittelfinger seinen Goldring ab.

Van Hornhorts „Kupplerin und Wahrsagerin“(1625)

Noch deutlicher wird einer der wichtigsten Caravaggisten, Gerhard van Hornhorst aus Utrecht. Er zeigt ein leichtes Mädchen, das deutlich ins Kerzenlicht rückt, was sie zu bieten hat. Im Hintergrund wartet bereits die Kupplerin auf die Goldstücke aus dem prallen Geldbeutel, den der Galan schon in der Hand hält. Deutlich sichtbar platziert Hornhorst eine Dochtschere im Hintergrund: Ein Hinweis auf die Prostituierten, die die Zeit für ihre Kunden an der Dauer einer brennenden Kerze bemaßen.

De Boulognes „Zusammenkunft in einem Wirtshaus“(1625)

Noch drastischer geht der Franzose Valentin de Boulogne mit seinem naiven jungen Mann in einer Wirtschaft um: Er wird gleich von drei Gestalten verführt – ehe sie ihn ausrauben werden.

Van Baburens „Die Kupplerin“ (1622)

Ganz dicht rückt der Utrechter Dirck van Baburen die drei Figuren an den Betrachter heran: Die Schöne mit großem Dekolleté , der ein schnapsnasiger Kerl verliebt in die Augen blickt, während die Kupplerin schon die Hand aufhält.

Ter Brugghens „Die Spieler“ (1623)

Unheil droht auch dem weißbärtigen Spieler im Bild des dritten Utrechter Caravaggisten, Hendrik ter Brugghen. Der Alte hält sich demonstrativ eine Brille vor die Augen und will nicht glauben, dass es hier beim Würfel- und Kartenspiel mit rechten Dingen zugeht. Zwar hat er schon die Hand am Schwertknauf – aber ob sich die beiden Jungmänner das gefallen lassen?