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01.08.2009

Comedy vom Feinsten: Hunderte lachen im Osterfeld

PFORZHEIM. Die Kabarett-Offensive „Christoph Sonntag & Gäste“ war ein echter Knaller zum Sommerferien-Auftakt. Was da unter dem sinnigen Motto „Baden-Württemberg macht Spaß“ vom ARD-Sender SWR1 und vom Pforzheimer Kulturhaus Osterfeld auf die Kleinkunst-Bühnenbretter gestellt wurde, kann das Prädikat einer organisatorischen und logistischen Meisterleistung für sich in Anspruch nehmen.

Von der PZ präsentiert gastierten Comedians und Kabarettisten sowie Musikanten-Ensembles zumeist aus der jungen Aufsteiger-Garde. Außer Sonntag auch Heinz Gröning, die Gruppe GlasBlasSing, Christina Lux, Die Poppets, Sebastian 23, HG.Butzko, Stefanie Kerker und Eva Eiselt. Fünf Bühnen (Innenhof, Großer Saal, Malersaal, Singsaal und Studio) wurden parallel gleichzeitig bespielt.
Neben dem zweiteiligen Rahmenprogramm standen acht halbstündige, von großzügigen Erholungs- und Wechselpausen gegliederte und jeweils wiederholte Kurzprogramme zur Auswahl, so dass jeder Zuschauer sechs verschiedene Aufführungen erleben konnte.

Dank „hochtourig laufender“ hauseigener Gastronomie musste niemand verhungern oder verdursten.Die Atmosphäre während der ausgezeichnet besuchten Großveranstaltung blieb durchweg sommerfrisch heiter und locker. Obwohl die stolzen Eroberer der besten Plätze in den vorderen Reihen, nichts Böses ahnend, öfters zu Op-fern der von den Komödianten in ihre Performances eingebauten Mitmach-Elemente wurden. Zuweilen gab es hektisches Treppauf und Treppab, wenn die Szenen-Wechsel anstanden.Zuerst war Hauptakteur Christoph Sonntag an der Reihe, der den Veranstaltungs-Vorspann und die Abschluss-Show höchstpersönlich zu verantworten hatte. Wie gewohnt traf der erfolgreiche Schwaben-Kabarettist mit so manchem geschärften Pointen-Pfeil zielsicher ins Schwarze. Spöttelte über allerhand aus dem Leben gegriffene Missverhältnisse und geißelte Zustände in der großkoalitionären Politik. „Pussycat“-Bordelle und die Millionen-Abfindung für Porsche-Wiedeking kamen genauso süffisant zur Sprache wie die sparsamen Urlaubsfreuden beim „Wandern im Hartz IV“. Und wenn einer der Zuhörer mit seinen Reaktionen auf dem Schlauch stand, bekam Sonntags Lieblings-Klientel umgehend ihr Fett weg: „Hoscht den Gag jetzt erscht begriffe, isch heut Lehrer-Ausflug?“
Dann fesselte der kahlköpfige „unglaubliche Heinz“ (Gröning), mit schwarzem Anzug und weißen Turnschuhen ausstaffiert, sein vorwiegend weibliches Fanpublikum. Sein sinnlich gehauchtes Wortgestammel, seine erotisch flunkernde Anmache und andere Komödianten-Kunststückchen hatten den besonderen Charme. Sich selbst charakterisierte Heinz als einen sensiblen Poeten, gefangen im Körper eines grobmotorischen Zuhälters aus der Ukraine. Seine kalauernden Zungenbrecher („Ernst klaut die angetraute Braut“) und Sinnsprüche von der absurden Art („Es ist verrückt, auf dem Standesamt zu sitzen und keine Frau dabei zu haben, sondern eine Sozialpädagogin.“) waren seine Markenzeichen. Originell präsentierten sich die fünf Berliner „Flaschen-Popmusiker“, jeder ein Sträußchen Flaschen wie eine Panflöte in den Händen haltend, mit „Liedgut auf Leergut“. Mit ihren knallbunten Hemden waren die auf unterschiedlich befüllten Bierflaschen blasenden oder irrwitzig mit Plastikflaschen auf Köpfe und andere Körperteile trommelnden Musikanten lustig anzusehen und anzuhören.

Schräg verballhornte Songs von „Ploppcorn“ über „Don't Worry Be Happy“ bis „Mission Impossible“ gehörten zu ihren Hits. Stimmungsvolle Poesie und ein intimes Klangereignis offerierte die komponierende, sich auf der Gitarre begleitende Sängerin Christina Lux. Ihre aus Silben-Spielereien erwachsenden Folksongs und mit zarter Singstimme erzählten englischen Balladen (wie „Love is my religion“) spendeten Balsam für wunde Seelen. Mit „Poetry Slam“, also selbstgeschriebenen und aggressiv vorgetragenen kurzen Texten, die im unmittelbaren Feedback vom Publikum (durch Applaus) bewertet wurden, hantierte Sebastian 23 aus Bochum, der 2008 den renommierten Züricher Slammer-Wettbewerb als Sieger beendet hatte. Das Puppenspieler-Duo „Die Poppets“ (Gunzi Heil und Marcus Dürr) erfreute mit Ernie und Bert aus der Sesamstraße beim „Waffeln backen“. Fulminant vertrat HG. Butzko in zünftiger Khaki-Kluft das politische Kabarett und strapazierte beispielsweise mit unfreiwilliger Komik aus dem Bundestag das Zwerchfell seiner Zuhörer. Die Entertainerin Eva Eiselt sorgte als Putzfrau mit ausländischem Akzent für Publikumsaktivitäten beim Wischen mit einem Mop oder propagierte als Ernährungsberaterin der Firma Trio-Chips kugelrunden

Gleichgewichtssinn in einem künftig sicheren, fetten Leben. Schließlich stellte die attraktive Chanseuse Stefanie Kerker ihr Programm „Nacht Schatten Gewächse“ vor und verströmte auf der in Rotlicht getauchten Bühne fingerschnipsend sanglichen Liebeskitsch pur: „Wenn ich Dich sehe, dann stehen alle Uhren still.“„Manege frei“ tönte die Leitmotiv-Melodie durch das vielgestaltige Kulturhaus-Programm. Pforzheim leidet zur Zeit ökonomisch, aber kulturell ist die Goldstadt topfit. Das mag in der leidigen Standort-Diskussion immerhin optimistisch stimmen. Eckehard Uhlig