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18.05.2016

Comics: Mehr als bloßer Kinderkram

Mit 2,4 Millionen Euro lassen sich viele Wünsche erfüllen: Prachthaus, schnelle Autos, Traumreisen – oder doch lieber die Erstausgabe des ältesten „Superman“-Comics? Vor rund zwei Jahren bezahlte ein Bieter bei eBay diesen Betrag, um das Sammlerstück aus dem Jahr 1938 in seinen Besitz zu bringen. Ein Rekordpreis. Während sich in den USA vor allem durch die Superhelden von „Marvel“ und „DC“ ein wahrer Kult um die Hefte entwickelt hat, stellen sie in Deutschland eher ein Nischengeschäft dar.

Das größte Problem sei, dass viele Menschen Comics nach wie vor für „Kinderkram, minderwertig und niveaulos“ hielten, meint Philipp Schreiber, Chef eines Hamburger Comicverlags. Die Liste der Vorbehalte gegenüber Comicheften sei lang, zudem fehle es den Menschen im Alltag an Berührungspunkten. In anderen Ländern sieht es anders aus. Das kann auch Bart Dewijze, der Leiter des Pforzheimer Haus der Jugend, bestätigen. Er kommt aus Belgien. Dort – im Land von Tim und Struppi – haben Comics einen anderen Stellenwert. „Das ist in Belgien schon ein großes Thema. Man wächst mit Comics auf“, sagt Dewijze, der sich in seiner Jugend selbst als Comiczeichner versucht hat. „Es gibt auch einen großen Markt für Geschichten für Erwachsene.“ Diese Zielgruppe wollen die deutschen Verlage nach dem Vorbild des amerikanischen „Free Comic Book Day“ mit dem Gratis-Comic-Tag gewinnen.

Seit sieben Jahren

Im nunmehr siebten Jahr haben 17 Verlage am Samstag bundesweit 34 verschiedene Hefte in Comic-und Buchläden verschenkt. Ob die Branche sich dadurch mehr ins Rampenlicht rückt, ist offen. Der Aktionstag aber war erfolgreich – auch in Pforzheim. Seit Jahren ist die Osiandersche Buchhandlung mit dabei – die Thalia-Buchhandlung hat in diesem Jahr erstmals teilgenommen. „Die Verlage beliefern uns kostenlos mit den Comics, die extra für diesen Tag produziert werden“, sagt Julia Sesulka von Thalia. Um dem Interesse Herr zu werden, habe man bloß drei Comics pro Person abgeben können. „Aber um 16 Uhr hatten wir trotzdem nichts mehr.“ Sonst sei das Interesse nicht so breit gestreut, sagt Sesulka. „Wir haben ja auch bloß ein Regal mit Comics.“ Aber die Stammkunden gebe es schon. Was immer gehe, das sind die Klassiker der Branche: Asterix, die „Marvel“-Werke oder „Lucky Luke“: „Der ist in letzter Zeit wieder ziemlich gefragt“, sagt Sesulka.

Nicht an der Aktion beteiligt hat sich dagegen der Magic Planet, der im kommenden Monat sein Geschäft an der Zerrennerstraße aufgibt und nach Huchenfeld zieht – um sich dort beinahe bloß auf den Onlinehandel zu konzentrieren. „Das bringt schon jetzt mehr als das Ladengeschäft“, sagt Tobias Jaekel vom Magic Planet. Denn außer mit einigen Stammkunden laufe das Geschäft schlecht.

Zumindest deutschlandweit hat der Aktionstag Interesse auf sich gezogen. Ziel der Aktion sei es, neue potenzielle Leser zu erreichen und dazu beizutragen, die Wahrnehmung von Comics als eigene Kunstform zu unterstützen, sagt der Verleger Philipp Schreiber – das scheint nötig zu sein.

„Aktionen wie diese zeigen, mit welcher Kreativität die Branche daran arbeitet, neue Leser anzusprechen und alte bei der Stange zu halten“, erklärt die Professorin Astrid Böger von der Arbeitsstelle für Graphische Literatur an der Universität Hamburg. „Die deutsche Comicszene ist sehr spannend, da wir eine ungeheuer kreative junge Generation von Comic-Künstlern haben, die sich klar vom kommerziellen, US-amerikanisch geprägten Mainstream absetzen.“ Doch wie erfolgreich sie das macht, wird sich zeigen. Vielleicht gibt es ja auch im kommenden Jahr wieder den Gratis-Comic-Tag.