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Stolz auf seinen Goldenen Bären: Gianfranco Rosi (Regie und Buch „Fuocoammare“) wird für seine bewegende Dokumentation geehrt.  Jutrczenka/Kalaene
Stolz auf seinen Goldenen Bären: Gianfranco Rosi (Regie und Buch „Fuocoammare“) wird für seine bewegende Dokumentation geehrt. Jutrczenka/Kalaene
Trine Dyrholm erhält den silbernen  Bären als beste Darstellerin.
Trine Dyrholm erhält den silbernen Bären als beste Darstellerin.
Majd Mastoura wird als bester Darsteller ausgezeichnet.
Majd Mastoura wird als bester Darsteller ausgezeichnet.
22.02.2016

„Das Herz der Berlinale“: Goldener Bär für Rosi

Es ist ein berührender Moment. „Ich widme den Film allen Menschen auf Lampedusa, die ihre Herzen all denen geöffnet haben, die zu ihnen gekommen sind“, sagt der italienische Regisseur Gianfranco Rosi. Der 51-jährige Dokumentarfilmer hat gerade mit seinem erschütternden Flüchtlingsdrama „Fuocoammare“ den Goldenen Bären der 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin erhalten. Jury-Präsidentin Meryl Streep nennt den Film „das Herz der Berlinale“.

Reale Bilder des Sterbens

Schon seit der umjubelten Premiere eine Woche zuvor gehörte „Fuocoammare“ (Feuer auf See) trotz (oder wegen) seiner schonungslosen Bilder zu den Publikumslieblingen. Die Jury setzte nun am Samstag mit ihrer Entscheidung ein klares politisches Signal. Gianfranco Rosi, selbst in Eritrea geboren, erzählt vom Alltag auf der Mittelmeerinsel Lampedusa, auf der seit Jahren Hunderttausende schutzsuchende Menschen stranden. Idyllische Szenen vom Leben auf der Insel stehen dem Grauen der Flucht auf kleinen, völlig überfüllten Booten gegenüber.

Rosi, vor drei Jahren mit dem Goldenen Löwen von Venedig geehrt, hatte für die Arbeit lange selbst auf der Insel gelebt. Er schreckt auch vor Bildern des realen Sterbens nicht zurück. Für ihn sei das Flüchtlingsdrama „nach dem Holocaust eine der größten Katastrophen der Menschheit“. Dass die Jury erstmals seit Jahrzehnten einen Dokumentarfilm für die Spitzentrophäe wählte, ist vielleicht auch ein Zeichen, dass angesichts der Tragödie Bilder vom echten Leben wirkmächtiger, packender und nachhaltiger sein können als ein inszeniertes Spiel.

Mit dem Motto „Recht auf Glück“ hatte sich das Festival in seiner 66. Ausgabe bewusst den aktuellen Themen von Krieg, Flucht und Ausgrenzung verschrieben – auch wenn der Glitzerfaktor mit Promis wie George Cloones hoch war. Doch für Clooney war mit seinem Besuch bei der Kanzlerin das Flüchtlingsthema ebenfalls ein besonderes Anliegen. Dem politischen Anspruch folgte die Jury auch mit der Vergabe ihres Großen Preises (Silberner Bär) an den Spielfilm „Tod in Sarajevo“ (original: „Smrt u Sarajevu“). Der bosnische Regisseur Danis Tanovic verschränkt darin Geschichten aus der Jetzt-Zeit mit Recherchen zum Attentat von Sarajevo 1914, das als Auslöser des Ersten Weltkriegs gilt. Dieser Film stand beim Publikum ebenfalls hoch im Kurs.

Überzeugendes Spiel

Bei der Schauspielerkür setzten sich ein arrivierter Star und ein Newcomer durch. Mit der Wahl der beliebten Dänin Trine Dyrholm (43) zur besten Darstellerin dürfte die Jury den Zuschauern aus dem Herzen gesprochen haben. Ihre Rolle als Späthippie in Thomas Vinterbergs nachdenklicher Komödie „Die Kommune“ (original: „Kollektivet“) ist von anrührender Intensität. Dem jungen Tunesier Majd Mastoura gelingt es in „Hedi“ (original: „Inhebbek Hedi“ von Mohamed Ben Attia), aus dem Stand den Zwiespalt zwischen Tradition und Aufbruch in seiner Heimat mit viel Kraft überzeugend zu spiegeln.

Für die beste Regie ging ein Silberner Bär nach Frankreich an Mia Hansen-Løve für das Frauenporträt „Die Zukunft“ (original: „L’avenir“) mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle. Festivaldirektor Dieter Kosslick zog nach elf ungewöhnlich dichten Kinotagen ein positives Fazit: „Die Filme haben die Menschen berührt. Und sie haben sie bestimmt auch zum Nachdenken gebracht.“