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Hat die Zuhörer mit subtil lichter Klangpracht bezaubert: Iveta Apkalna. Foto: Fotomoment
Hat die Zuhörer mit subtil lichter Klangpracht bezaubert: Iveta Apkalna. Foto: Fotomoment
04.09.2018

Das Orgel-Wunder: Iveta Apkalna bei Maulbronner Klosterkonzerten

Maulbronn. Es war ein denkwürdiges Maulbronner Klosterkonzert. Eine Königin unter den Organisten spielte Meisterwerke der Orgelkomposition auf einem Spitzenwerk der Orgelbaukunst. Ein fantastischer Raumklang entfaltete sich in der Zisterzienserkirche und verdichtete sich zum Orgel-Wunder.

Enthusiasten hatten es geahnt und strömten am Sonntagabend nach Maulbronn, so dass die überraschten Veranstalter noch bis kurz vor Konzertbeginn im weitläufigen Gotteshaus für Nachbestuhlungen sorgen mussten.

Mit wunderbarer Empathie für das Instrument, die Maulbronner Grenzing-Orgel, und Einfühlung in die räumlichen Gegebenheiten musizierte Iveta Apkalna, die Titular-Organistin der Hamburger Elbphilharmonie – ohne Gedröhn und Getöse und dennoch mit subtil lichter Klangpracht die Menschen verzaubernd. Auf einer Video-Leinwand vor dem Altar konnten die Zuhörer das Spiel der attraktiven Künstlerin, die hoch oben auf der Orgelempore agierte, auch optisch nachvollziehen. Mit welcher Eleganz ihre Hände über die Manuale glitten und ihre Füße das Orgelpedal bedienten. Mal leicht und locker, rhythmisch beschwingt, mal mit zupackendem Nachdruck, zuweilen mit tänzelnder Grazie, dann wieder stürmisch und drangvoll. Manche Stimmen konnten geheimnisvoll verschweben oder ballten sich bei gekoppelten Manualen im Plenum. Die Tempi waren differenziert variabel, Melodie-Linien, Motive und Themen konturscharf fein artikuliert. Die Orgel verwandelte sich zum tönenden Kosmos.

Iveta Apkalna ist eine stilbewusste und intelligente Orgelspielerin. Das demonstrierte auch ihr Programm, das im dialogischen Wechselspiel drei Werkpaare kontrastreich gegenüberstellte. Romantische und moderne Kompositionen aus ihrer lettischen Heimat wetteiferten mit der durch Großmeister Bach vertretenen barocken Orgel-Tradition.

Die Wiedergabe der fünfteiligen Fantasia in g-Moll von Alfreds Kalnins (1879–1951) sorgte in melancholisch verhangenen oder temperamentvoll auftrumpfenden Passagen, die Apkalna mit kraftvollen dynamischen Akzenten und virtuosen Laufwerk-Kaskaden ausstattete, für einen klangschönen Konzert-Auftakt. Die farbenreiche Meditation der einstigen Rigaer Orgelprofessorin Lucija Garuta (1902-1977) mit ihrem extrem ruhigen Eingang und den gleichsam aus musikalischem Urgrund auftauchenden Pedal-Bässen erfreute mit lustigen Glöckchen-Einwürfen und voluminös anschwellenden Abschnitten. Dieser „Gruß aus dem fernen Lettland“, wie Apkalna ihr Lieblinsstück auch bezeichnet, verdämmerte ganz sanft und zart. Eigens für sie komponierte Eriks Esenvalds (geb. 1977) ein Fantasie-Stück, dessen chaotisch anmutender Charakter von halbtonschrittigen Passagen, verträumten Trillerketten und rasanten Klang-Ausbrüchen emotional geprägt schien.

Diesen bei uns sonst kaum zu hörenden Kompositionen standen drei Werke Johann Sebastian Bachs gegenüber: die Triosonate in d-Moll (BWV 527), Präludium und Fuge in Es-Dur (BWV 552) und Toccata, Adagio und Fuge in C-Durch (BWV 564). Iveta Apkalna interpretierte die Höhepunkte der Orgelliteratur mit unglaublicher technischer Perfektion und Souveränität, in allen Teilen geradezu klassisch durchformt.

Die Triosonate verströmte unaufgeregte Gelassenheit, die Präludien und Toccaten zeichneten sich durch intensive, auf Klangexotik aber verzichtende Registerfarben aus, die Fugen präsentierten sich mit leichtfüßigem Pedalspiel unerhört linienklar und transparent. Getragen vom atmenden Klang erstrahlten Glanz und Leuchtkraft der Orgel in der Maulbronner Klosterkirche, wie man es nur ganz selten erleben kann.