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Foto: BillionPhotos.com - Fotolia
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28.10.2016

Das Stadttheater muss gewaltig sparen und legt den neuen Finanzplan vor.

Pforzheim. Auf große Zustimmung ist die Finanzplanung des Theaters Pforzheim im Kulturausschuss in dieser Woche gestoßen. Nun muss am 15. November der Gemeinderat entscheiden, wieviel Geld ihm die Bühne in den kommenden drei Jahren wert ist. Die PZ erklärt das Budgetierungsmodell und seine Folgen.

Was ist das Budgetierungsmodell überhaupt?

Das Budgetierungsmodell ermöglicht es dem Theater seit 1994 innerhalb eines mit der Stadt vereinbarten Finanzrahmens zu wirtschaften. Das hießt, die Kommune gibt dem Theater jährlich einen festen Betrag, mit dem die Bühne auskommen muss. Die Laufzeit ist für drei Jahre vereinbart, also von 2017 bis 2019. Das Haus arbeitet wie ein Eigenbetrieb. Und das motiviert natürlich, Mehreinnahmen anzusparen und Minderausgaben zu vermeiden. Was wiederum bedeutet – mit Nachforderungen kann das Theater nicht ankommen. Ganz im Gegenteil: Pforzheim hat in den vergangenen Jahren davon profitiert, denn die Finanzergebnisse der Bühne waren so gut, dass der Zuschussbedarf im Vergleich zu anderen Bühnen sehr niedrig liegt. Das Stadttheater ist eines der günstigsten Häuser bundesweit.

Was hat sich im Vergleich zum vergangenen Modell verändert?

Ganz einfach: Die Bühne muss in den kommenden drei Jahren 1,815 Millionen Euro einsparen. Das ist eine heftige Zäsur. „Natürlich haben wir uns die Fortschreibung unseres Budgetierungsmodells ganz anders vorgestellt“, sagt Verwaltungschef Uwe Dürigen.

Warum benötigt das Stadttheater von Jahr zu Jahr eigentlich mehr Geld?

85 Prozent der Ausgaben sind Personalkosten, das sind rund zehn Millionen Euro. Das Theater muss aktuell eine Tariferhöhung von 2,4 Prozent verkraften, also Mehrkosten von rund 240 000 Euro. In den Jahren 2016 bis 2019 kalkuliert die Bühne mit Tarif-Steigerungen von 8,4 Prozent. Die Stadt rechnet zwar auch die Tariffortschreibung in die Zuschüsse ein – nur die liegt zwischen 1,5 und 1,75 Prozent. Die Differenz muss das Theater aus seinem Etat decken – „damit höhlen wir unser System letztlich aus“, schildert Dürigen. Dazu kommt, dass das Stadttheater mit 211 Stellen eigentlich unterversorgt ist. Ulm – zum Vergleich – verfügt über 250 Personalstellen, Heidelberg über 300.

Wo geht es ans Eingemachte?

Die Mehreinnahmen aus 2015/2016 sind futsch: Also das Plus, das durch das sehr gute Wirtschaftsergebnis in der vergangenen Saison erzielt wurde. Was das Theater in den kommenden Jahren mehr als geplant einnimmt, wird gleich einkassiert: In den kommenden drei Jahre erwartet die Stadt jeweils 172 000 Euro – nur die muss die Bühne erst einmal erwirtschaften. Dazu kommt: Der Sparstrumpf des Stadttheaters wird sukzessive gelehrt – um 450 000 Euro werden abgeschmolzen. Das bedeutet auch: Investitionen in die Immobilie, die inzwischen über 25 Jahre alt ist, werden nur schwerlich zu tätigen sein. Ein dicker Batzen ist die geforderte Reduzierung der Personalkosten um 233 000 Euro pro Jahr. Was das konkret heißt? „Weniger Leute müssen mehr arbeiten“, bringt es Intendant Thomas Münstermann auf den Punkt. Was die Lage verschärft: Das Haus muss externe Leistungen, etwa bei der Verpflichtung von Gästen, unter den branchenüblichen Satz absenken. Das bringt wiederum eine schwierige Konkurrenzsituation mit sich. „Was so abstrakt klingt, bedeutet: Regisseure, Gastschauspieler, Sänger bekommen bei uns weniger als woanders“, sagt Münstermann. Da helfen oft nur persönliche Bindungen, um die Gäste nach Pforzheim zu locken.

Gibt es schon personelle Auswirkungen?

Ja, die Stelle der altersbedingt ausscheidenden Harfenistin wurde nicht neu besetzt, und es wurde eine betriebsbedingte Kündigung ausgesprochen. Zudem gibt es temporäre Sperrungen von Aushilfen. Ein Beispiel: Das Theater kann einen Sänger nicht fünfmal in der Woche auf die Bühne schicken – obwohl das tariflich möglich wäre. „Aber dann ist die Stimme kaputt“, erklärt der Intendant. Wenn dieser Puffer nicht mehr vorhanden ist, sind die Risiken groß, dass beispielsweise Erkrankungen den Spielbetrieb gefährden. Auch die Gehaltsstruktur wurde neu gestaltet. So sind die Tänzer der Compagnie inzwischen als Solisten eingestuft – und bekommen dadurch weniger Geld.

Welche künstlerischen Auswirkungen gibt es?

Das Theater hat die Zahl der Zuschauer in den einzelnen Produktionen in der vergangenen Saison gesteigert, das bedeutet, „wir müssen nicht zwei neue Operetten produzieren, damit wir den Unterhaltungsteil abdecken können“, sagt Münstermann. Folglich wird eine Operette gestrichen, dafür stehen aber weiterhin das Musical „West Side Story“ und die Revue „Tribute to the Blues Brothers“ auf dem Programm. Fazit: Das Theater ist zum Erfolg verdammt.

Werden nur noch ausgesprochen populäre Stücke gezeigt?

Dem widerspricht Münstermann vehement: „Alle Erfahrung zeigt, dass nur ein Kontrast zwischen unterhaltenden und anspruchsvollen Inhalten auf die Dauer ein Publikum bei der Stange hält. Alle Versuche, nur Unterhaltung an einem Stadttheater zu bieten, führen zu einer Ermattung des Interesses. Das haben schon viele probiert – und sind gescheitert.“

Ist der Bestand des 3-Sparten-Hauses damit gesichert?

Ein klares „Ja“ von Münstermann und Dürigen. „Solange alle Rahmenbedingungen unverändert bleiben, die wir in diesem Modell angenommen haben“, fügt der Verwaltungschef hinzu. Und Münstermann: „Wir kämpfen bis zum letzten für unsere drei Sparten.“