760_0900_100243_urn_newsml_dpa_com_20090101_190605_90_00.jpg
Die zeitweise einflussreichste Musikerin der Pop-Moderne klingt nicht mehr wirklich modern: Madonna (60), in ihrer neuesten Selbstinszenierung. Fotos: Universal Music/dpa
760_0900_100244_urn_newsml_dpa_com_20090101_190605_90_00.jpg
Fast so schlimm wie befürchtet: das neue Album „Madame X“.

Das neue Album von Madonna: Bizarr, ziellos – und ziemlich banal

Berlin. Das Allerletzte, was Madonna nach einer phänomenalen Karriere mit über 300 Millionen verkauften Tonträgern und etlichen Grammys verdient hat, ist Mitleid. Doch genau dieser Gefahr setzte sich der weibliche Megastar der 1980er im Mai aus – mit einem vielfach als Fiasko empfundenen ESC-Gastspiel.

Einigermaßen wacklig und stimmlich indisponiert wirkte die 60 Jahre alte Sängerin auf der riesigen Bühne in Tel Aviv. Voller Sorge wurde daher Madonnas neues Studioalbum „Madame X“ erwartet, das am Freitag kommender Woche erscheint. Stürzt die „Queen of Pop“ mit der angekündigten Ausrichtung auf Latino-Sounds noch tiefer, verliert sie ihre Würde? Oder kann sie sich noch mal neu erfinden? Wie 1998, als sie dem Abstiegsgeläster ihr Elektropop-Meisterwerk „Ray Of Light“ entgegenschleuderte.

Madonnas eher dünne Stimme klingt auf der Platte besser, auch jünger als an diesem ESC-Abend. Gleich im ersten Song „Medellín“ trifft die US-Amerikanerin mit Teilzeit-Wohnsitz Lissabon die Töne hell und klar. Neben ihr rappt der Kolumbianer Maluma. Man denkt zurück an den Superhit „La Isla Bonita“ von 1986. „One, two – cha cha cha“ säuselt Madonna zu einem mittelschnellen Beat. Sommerhits kann sie also noch. Doch danach geht’s bergab: mit „Dark Ballet“, einem von Madonnas Lieblingsstudiohelfer Mirwais produzierten Epos, das zuviel auf einmal will. Zuerst Ballade, dann Piano-Solo und Pseudo-Klassik, schließlich eine vermeintlich coole Spoken-Word-Passage – und dauernd diese im heutigen Pop fast schon wieder aus der Mode geratene Stimmenmanipulation per Autotune: ein kunterbuntes Durcheinander, unfreiwillig komisch, ja bizarr – und gewiss nicht so modern wie von der Pop-Veteranin mit dem einst zielsicheren Trendbewusstsein erwünscht.

So richtig erholt sich das unruhige, mit einer Stunde Spieldauer zu lange Album von diesem Tiefpunkt nicht mehr. „God Control“ kombiniert House, Hip-Hop und Streicher, Madonna fordert „Democracy!“ – ganz nett und durchaus tanzbar. Auch der beim ESC mit dem jungen Rapper Quavo dargebotene Track „Future“ bemüht sich um Bedeutungsschwere, ist mit Reggae-Rhythmus und schon wieder penetranten Autotune-Vocals jedoch recht altbacken.

Das Latin-Gospel-Stück „Batuka“ klingt hübsch exotisch. Im politischen Song „Killers Who Are Partying“ geht es etwas wirr um Schwule, Arme und Frauen, Afrika und Islam, Israel und Indianer – Madonna sieht sich auf der Seite der Schwachen.

Aufwendig produzierte R&B-Balladen und Midtempo-Lieder enthält „Madame X“ – da konkurriert die 60-Jährige selbstbewusst mit Nachfolgerinnen wie Beyoncé, Rihanna oder Robyn. Doch trotz Klangfarben wie Akkordeon und Orgel kommt vieles auf der zweiten Albumhälfte kaum über Füllmaterial hinaus. Am überzeugendsten: kurz vor Schluss „I Don’t Search I Find“.

Der Gesamteindruck: Die erfolgreichste, zeitweise auch einflussreichste Musikerin der Pop-Moderne klingt nicht mehr modern – und ihre neue Platte wie ein Dokument der Ziellosigkeit. Ein Totalabsturz ist „Madame X“ nicht, und für Platz 1 der Charts vieler Länder wird es wie schon bei den durchwachsenen Vorgängern wohl wieder reichen. Aber irgendwie ist Madonna in der Pop-Welt von heute nicht mehr hip, sondern ziemlich banal.