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Im Kyrie erhebt sich Angelika Lenters Sopran über den Motettenchor und die capella aureliensis unter Leitung von Kord Michaelis. Fotos: Seibel
Im Kyrie erhebt sich Angelika Lenters Sopran über den Motettenchor und die capella aureliensis unter Leitung von Kord Michaelis. Fotos: Seibel
15.07.2016

Dem Geheimnis auf der Spur: Mottenchor feiert 70. Geburtstag in der Stadtkirche

Pforzheim. Mozarts c-Moll-Messe ist ein geheimnisvolles Werk. Die Entstehungsgeschichte dunkel, die Anlage als Nummernmesse so gänzlich aus der Zeit gefallen. Und warum hat Mozart aufgehört, das Riesenwerk zu vollenden? Kirchenmusik ist eben kein leichtes Pflaster. Mit ihren teils sperrigen Texten, den Konventionen, der schieren Masse an Vorbildern. Mozart sucht sein Leben lang nach einem eigenen Kirchenstil, ringt mit sich, skizziert, verwirft, macht neu. Und wird nur im Requiem so richtig zu sich finden – und der c-Moll-Messe. Beide sind unvollendet.

Einschüchternde Klangwand

Es ist ein gewaltiges Werk, was sich der Motettenchor da ausgesucht hat für das Geburtstagskonzert zu seinem 70-jährigen Bestehen in der Stadtkirche. Kord Michaelis zelebriert den Anfang des Werks: das sinistere c-Moll, das Tasten und Pochen der Streicher, dann die gewaltige Steigerung der Kyrie-Rufe. Der Motettenchor ist in guter Verfassung und baut die einschüchternden Klangwände präzise auf. Zum „Christe eleison“ ändert sich die Stimmung. Die Sphäre des alttestamentarischen Vatergotts ist vorbei. Von Moll zu Dur, vom dräuenden Chorsatz zum sanften Solo. Da weht ein anderer Wind.

Angelika Lenters Sopran setzt die schwerelosen Linien präzise, ihr tiefes Register hat leider weniger Präsenz. Doch der Beginn des Gloria gehört wieder dem Chor. In atemberaubender Energie tönt das Tutti. Hier ist nur noch Jubel. Leider nimmt Michaelis den reißerischen Satz zu schnell – auf Kosten der Textverständlichkeit und Struktur. Und bei allem Paukenglanz – als Orchester die capella aureliensis – kommt leider nur noch Wucht und Masse an. Das vielteilige Gloria ist das Herzstück der Messe. Eigentlich ganz unmodern, den Text auf so unterschiedliche Einzelsätze zu verteilen. Mozart belebt den alten Typus der Nummernmesse treu – und präsentiert außerordentliche Interpretation der Textaussagen.

Das „Laudamus te“ ist eine virtuose Soloarie (Mezzosopran: Katharina Müller). Das „Domine Deus“ ein tiefdunkles Duett mit atemberaubenden Verwicklungen der Gesangstimmen. Und das „Qui tollis“ als Meditation über den immer gleichen Instrumentalrhythmus die schiere Wucht.

Hier liegt alle Macht in den harmonischen Verwicklungen und der markerschütternden Konfrontation der zwei Chorhälften. Das ist alles nicht einfach – und gelingt dem Motettenchor doch beeindruckend.

Rekonstruierte Fassung

Im weiteren Verlauf des Abends tritt Mozarts Arbeit immer mehr zurück. Die Quellenlage wird schlechter. Das Credo hat er zwar begonnen, aber nicht fertiggestellt oder gar ausinstrumentiert. Was tun? Der Messetext verlangt ja ein ganzes Credo, auch ein Sanctus noch und Agnus Dei. Michaelis greift auf die Vervollständigung des amerikanischen Musikwissenschaftlers Robert Levin zurück. So entsteht ein großes Ganzes, aus Skizzen, aus der Einrichtung anderer Kompositionen – und auch aus Levins Fantasie.

Dabei kommt meistens sogar anständige Musik heraus, die Tenorarie (Sebastian Hübner) im theatralischen Gewand zum „Et in spiritum“ trifft sogar recht genau eine Mozart’sche Vertonungstradition. Aber im Großen wirken die Levin’schen Zusätze schon wie eine Attrappe. Gerade weil die Silbenverteilung und -betonung des lateinischen Texts oftmals nicht recht passen will. Aber nur so wird ein komplettes Werk aus dem Fragment, das Mozart einfach nicht vollendet hat. Was wäre das noch für Musik geworden! So muss sie Geheimnis bleiben.