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Johannes Blattner (liegend) und Jura Wanga zeigen eine starke Vorstellung – wie das gesamte Ensemble. Haymannn
08.02.2016

Der Ballettabend „Heroes/The Lovers“ begeistert im Pforzheimer Theater

Es sollte eine Hommage des Balletts an den großen britischen Rockstar David Bowie werden, und es wurde ein Nachruf. Denn als die berühmte Pop-Ikone vor vier Wochen starb, da waren Konzept und Probenarbeit des Pforzheimer Ballettchefs Guido Markowitz für das „Heroes“-Projekt bereits so weit gediehen, dass das Werk nun nicht mehr nur als Würdigung des lebenden Ausnahmekünstlers, sondern auch als Reminiszenz an ihn erscheint.

Bildergalerie: Ballet "Heroes/The Lovers" im Großen Haus des Theaters Pforzheim

Der Song „Heroes“, 1977 während Bowies Aufenthalt in Berlin entstanden, ist wohl sein erfolgreichstes Stück. Aber das kreative Spektrum des Sängers, Musikers und Schauspielers ging über dieses Thema und diesen Stil weit hinaus. Der erste Teil des Pforzheimer Abends liefert am Beispiel ausgewählter Stücke einen anschaulichen Überblick über sein Schaffen, das sich nicht in eine einzige Schublade einordnen lässt. Tatsächlich hat Bowie jegliche Vereinnahmung stets verweigert, auf dem Prinzip steter Veränderung bestanden, im Laufe seiner Karriere häufig sein Image gewechselt und in mehreren Projektionsfiguren seine öffentliche Persönlichkeit abgewandelt – ob nun zum Zwecke der cleveren Vermarktung im Showbusiness oder auch als Zeichen seiner ständigen Suche nach sich selbst und nach neuen Inspirationsquellen sowie wechselnden künstlerischen Ausdrucksformen.

Wechselbad von Musik und Tanz

Choreograf Markowitz jagt seine elfköpfige, spürbar hoch engagierte Compagnie im einstündigen ersten Teil der Aufführung durch krasse Wechselbäder von Musik und Tanz. Sein Bilderbogen, aus dem Lautsprecher begleitet von Original-Aufnahmen, folgt in vagen Stationen einem biografischen Muster und zitiert dabei nachhaltige Wegmarken. Von Bowies Entwicklung vom Rock ’n’ Roll, wie er ihn in den 1960er-Jahren etwa durch „Tutti Frutti“ von Little Richard kennen- und leben lernte, über Stücke, in denen er Einflüsse von Rhythm and Blues, Soul, Hip-Hop und Jazz aufnahm, bis hin zu seinem letzten Album „Blackstar“, das unmittelbar vor seinem Tod erschien und aus dem der Pforzheimer Abend den programmatischen Titel „Lazarus“ aufnimmt. „Look up here, I’m in heaven“ (Schau nach oben, ich bin im Himmel).

Bowie und sein Schatten

Im Zentrum dieser Reihe stehen David Bowie selbst, der von Johannes Blattner mit großer Intensität verkörpert wird, und sein dämonischer Schatten (Tu Ngoc Hoang), und mit ihnen treten Weggefährten wie Iggy Pop (Edoardo Novelli) oder Bowies erste Frau Angela (Jura Wanga) ebenso auf wie seine wechselnden, scharf konturierten Alter Egos, unter denen die exorbitante Martina De Dominicis als grelle Ziggy Stardust durch verzehrende Tanzwut und eine faszinierende Präsenz herausragt. In Stücken wie „Under Pressure“, „Be My Wife“, „Hello Spaceboy“ oder „China Girl“ blättert das Programm ein schillerndes Panorama von Stimmungen und Reizen auf, denen das Ensemble zusätzliche optische Kraft verleiht. Anders dagegen die Choreografie des zweiten Teils: „The Lovers“ zur vierten Sinfonie „Heroes“ von Philip Glass. Das Stück ist wiederum von Bowies berühmtem Berliner Titel von 1977 souffliert, der die zärtliche Begegnung eines Liebespaares im Schatten der Mauer schildert – ein Motiv, in dem sich der Kontrast von Gefühl und Macht abbildet, und ein Thema, das über den konkreten Anlass an der Mauer hinausweist auf die Frage, wie Liebe Bestand haben könne in einer Welt von Kälte, Gewalt und Lebensfeindlichkeit.

Kampf um Glück

Vor einer von Stacheldraht gekrönten Mauer (Ausstattung Philipp Contag-Lada), die durch Projektionen immer neue Bilder von Bedrückung entwirft, zeigen wechselnde Liebespaare im Gegenspiel mit anonymen Kollektiven ihren verzweifelten Kampf um Glück und Erfüllung.

Da entstehen, unterstützt durch die bedrohlichen Farben eindringlicher Musik, Momente einer düsteren Bedrückung, in denen sensible Empfindungen von Liebe und Nähe immer wieder zerstört werden durch das maschinenhafte Einwirken mitleidloser Mächte. Anders als im ersten Teil „Heroes“, in dem einzelne Tänzerpersönlichkeiten Raum zur individuellen Entfaltung erhalten, bestimmt hier das weitgehend geschlossene Ensemble den Charakter des Stückes.

Dabei zeigt sich die kleine Pforzheimer Truppe, vom Choreografen mit gutem Sinn für dramatische Spannung und szenische Effekte geführt, in glänzender Verfassung: technisch souverän, mit konzentrierter Präzision und einer famosen Gesamtleistung. Nicht zuletzt auch durch den Dirigenten Mino Marani, der die vorzüglich aufgelegte Badische Philharmonie zu einer mitreißenden Umsetzung der heiklen Glass-Partitur führt, erreicht dieser doppelte Bowie-Abend ein bemerkenswertes Niveau, das beim Premierenpublikum anhaltenden Beifall erntete.