nach oben
Rolf Dettling wohnt mit Tausenden von Büchern zusammen. Viele davon hat er selbst hergestellt.  Ketterl
Rolf Dettling wohnt mit Tausenden von Büchern zusammen. Viele davon hat er selbst hergestellt. Ketterl
25.11.2016

Der Bücherflüsterer - Dem Druckerhandwerk hat Rolf Dettling sein Leben gewidmet

Beinahe jeder Zentimenter der Wohnung von Rolf Dettling verkündet es; die vollen Regale, die Stapel auf den Tischen, die Wände – und sogar, das Treppenhaus: Dettling liebt Bücher – und alles, was damit zu tun hat.

Wie sollte es auch anders sein: Jahrzehntelang hat er auch mit wenig anderem zu tun gehabt in seinem Beruf.

Dettling (81) ist Drucker, hat tagein tagaus Bücher hergestellt, seine Arbeit erst mit 77 Jahren aufgegeben. Aber die Leidenschaft hat er sich bewahrt. Sie begleitet ihn seit seiner Jugend. Er ist im Kraichgaudorf Mühlbach aufgewachsen, das heute zu Eppingen gehört. Wenn man wie Dettling im Jahr 1935 geboren ist, dann fällt die Zeit, die doch die leichteste sein soll – die Kindheit – in die schwerste deutsche Epoche: die Naziherrschaft, später auch den Krieg.

Kindheit ohne Überfluss

Lehrer gibt es kaum, die stehen an der Front, Unterricht bloß sporadisch – eher Kartoffelkäfersammeln den ganzen Tag. Wie kann man da an Bücher denken? Dettling kann. „Ich hab‘ lieber das Brot mal trocken gegessen und mir dann ein Buch gekauft“. In seiner Wohnung ist es ungeahnt still, nur dumpf erahnt man den Lärm der Zerrennerstraße, die doch nur ein Dutzend Meter vor dem Fenster vorbeirauscht. Hier hat Dettling heute noch Ruhe, mittlerweile auch Zeit für seine Bücher. Aber dass sie zu seinem Beruf werden würden, war mehr Zufall. Der Vater – einst Maler, dann Soldat – kehrt aus dem Krieg nicht zurück. Die Mutter ist alleine mit den Kindern. Wie hat sie die Familie durchgebracht – ohne wirklichen Beruf? „Wir hatten ein kleines Äckerle mit Weizen drauf und Gemüse – und jedes Jahr haben wir ein Schwein geschlachtet.“

Mit 14 ist die Schulzeit vorbei. Dettling will eigentlich Feinmechaniker werden; doch Lehrstellen gibt es keine. Nur in Heilbronn eine: Buchdrucker. Als Dettling den Raum der Druckmaschinen betritt, sagt er der Mutter: „Mama, nie was anderes.“ Für seinen Beruf, der Dettling vom ersten Tag an begeistert bis zum letzten, nimmt er einiges in Kauf.

Um halb fünf klingelt der Wecker; mit dem Fahrrad geht es nach Eppingen, dann mit dem Zug nach Heilbronn, von dort zu Fuß durch die Trümmerlandschaft zum Lehrbetrieb. Abends fällt Dettling ins Bett, wenn er um acht Uhr wieder daheim ist. „Das könnte man heute niemandem mehr zumuten.“ Aber es lohnt sich. Den besten Auszubildenden, den er je hatte, nennt ihn der Meister. Er ist einen Monat mit der Lehre fertig, da wird er abgeworben. Sein neuer Arbeitsplatz bietet mehr: Bei der Vereinsdruckerei hat Dettling rund 60 Kollegen, immerhin rund 55 mehr als davor. Er macht den Meister in Stuttgart. Immer noch von Mühlbach aus. Dann kommt Pforzheim ins Spiel. Die Stadt kennt Dettling nur grob, ist er doch als Jugendlicher einmal durch die Trümmer gefahren auf dem Weg in den Schwarzwald. Aber er wagt den Schritt, wird erst Werkstattleiter bei Eisele in der Nordstadt, macht dann einen eigenen Betrieb auf.

Von der Visitenkarte bis zum Versandhauskatalog druckt Dettling alles. Aber seine Leidenschaft gehört der Technik, die im fortschrittsversessenen 20. Jahrhundert unter die Räder kommt: dem handwerklichen Buchdruck, wie einst zu Gutenbergs Zeiten. Für Spezialverlage wie die Düsseldorfer Eremitenpresse wird Dettling zum ersten Ansprechpartner. Viele Künstler lernt er da kennen, druckt ihre Lithografien und Holzschnitte. Sie fassen vertrauen zu Dettling, den man den „Drucker der Künstler“ nennen wird. 500 bibliophile Bücher hat er gedruckt – und an die 1000 Originalgrafiken. Doch das Tagesgeschäft sieht anders aus. Dettlings Problem? Die Kunden zahlen nicht oder gehen direkt selber bankrott.

Die Druckerei meldet Konkurs an in den 1990er-Jahren. Dettling macht weiter, jetzt eben mit einem Mitarbeiter statt früher mit 20. Spät dann der Ruhestand, den Dettling genießt. Wie auch nicht? Er hat ja ein Haus voller Bücher.