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Wer benutzt wen und zu welchem Zweck? Henning Kallweit als Schüler Claudio und Bernhard Bauer als dessen Lehrer Germán (von links) bei der Premiere des sehenswerten Schauspiels „Der Junge in der Tür“ im Podium des Theaters Pforzheim. Foto: Sabine Haymann
Wer benutzt wen und zu welchem Zweck? Henning Kallweit als Schüler Claudio und Bernhard Bauer als dessen Lehrer Germán (von links) bei der Premiere des sehenswerten Schauspiels „Der Junge in der Tür“ im Podium des Theaters Pforzheim. Foto: Sabine Haymann
Sorgt für Klarheit oder doch nicht? Lehrergattin Juana, dargestellt von Joanne Gläsel. Foto: Sabine Haymann
Sorgt für Klarheit oder doch nicht? Lehrergattin Juana, dargestellt von Joanne Gläsel. Foto: Sabine Haymann
06.02.2017

„Der Junge in der Tür“: Stimmige Inszenierung und starke Schauspieler

Pforzheim. Oh mein Gott – 100 Minuten Theater und keine Pause. Das wird Konzentration erfordern. Das Podium im Theater Pforzheim ist dunkel, die Bühne als weißer Stoffboden tief in den Raum gezogen. Links, rechts und auf der Empore nahezu voll besetzt die Besucherreihen. Das Kammerspiel heißt „Der Junge in der Tür“. Und dann? Überraschung. Von der ersten Minute an Tempo und Taktschlag. Der Rhythmus der Dialoge lässt den Zuschauer nicht los. Die Geschichte um Claudio, verstörend gut dargestellt von Henning Kallweit, nimmt das aufmerksame Publikum gefangen.

Claudio ist ein unauffälliger Schüler, der seinen Lehrer Germán (Bernhard Bauer) mit seinem voyeuristischen Fortsetzungsaufsatz über die Familie seines Klassenkameraden und Nachhilfeschülers Rafa (Julian Culemann) anfixt. Und den Besucher auch. Was erzählt Claudio im nächsten Teil seines Aufsatzes, welche Grenzen überschreitet er während der Besuche bei der Klischee-Vorstadtfamilie? Der frustrierten Mutter und Ehefrau Ester (Katja Thiele), dem sportbegeisterten und beruflich unzufriedenen Vater und Ehemann Rafa Senior (Fredi Noël) und eben dem mathematisch unbegabten, dafür aber philosophisch glänzenden Rafa. Ein sportlicher Sonnyboy, der vom arrogant-beobachtenden Claudio benutzt wird, um die heile Welt der Anderen scharf-urteilend zu zerpflücken.

Genauso zieht Claudio aber auch seinen Lehrer immer mehr in den Sumpf des Spannertums. Macht sich zunutze, dass der frustrierte Germán die Geschichte forciert, seinem Schüler mit dem aufgesetzten Lächeln zwar einerseits die Anerkennung verweigert, ihn andererseits aber antreibt, noch genauer zu beobachten und zu beschreiben.

Nachts im Elternschlafzimmer

Reflektiert werden die schriftstellerischen Ergüsse in Gesprächen zwischen dem Lehrer und seiner Frau Juana (Joanne Gläsel).

Kleine Streitereien, spießige Rituale – Claudio will alles sehen, mitmischen und treibt sein Spiel auf die Spitze, als er während einer Übernachtung bei Rafa ins elterliche Schlafzimmer schleicht. Allgegenwärtig für den Zuschauer ist die Befürchtung: Jetzt eskaliert es, jetzt schnappt der jugendliche Protagonist aus offenbar schwierigen Verhältnissen über.

Unterstrichen wird die schauspielerische Leistung vom minimalistischen Bühnenbild von Robert Pflanz. Durchscheinend weiße Vorhänge rauschen von der Decke, bilden Räume für die Szenen. Sie trennen ab, bringen zusammen, verstellen auch mal den deutlichen Blick auf die Akteure. Verwischen, ähnlich wie Claudio in seinen Aufsätzen, Realität und Fiktion. Was ist wahr und was erdacht, wer zeigt sein echtes Gesicht und wem geht es nur darum, den anderen für seine Zwecke zu missbrauchen? Eine spannende Inszenierung ist Regisseur Rolf Heiermann mit dem Werk des spanischen Autors Juan Mayorga gelungen. Kein zähes Kammerspiel, sondern die sehenswerte Darstellung eines vielschichtigen Stoffes. Anhaltender Applaus.