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Wut und Dummheit – das sind die zentralen Themen von Till Reiners in der Theaterschachtel. roller
Wut und Dummheit – das sind die zentralen Themen von Till Reiners in der Theaterschachtel. roller
25.01.2016

Der Kabarettist Till Reiners bringt sein Publikum in Neuhausen mit scharfer Zunge zum Lachen

NEUHAUSEN. Es gibt Menschen, denen man es partout nicht recht machen kann, die immer einen Grund finden, um sich aufzuregen und es sogar fertigbringen, grundlos in Wut auszubrechen. Der Kabarettist Till Reiners gehört dazu, denn vor ihm und seinem scheinbar unerschöpflichen Zorn ist niemand und nichts wirklich sicher. Ein Umstand, den das Neuhausener Publikum in der voll besetzten Theaterschachtel schnell zu spüren bekam.

Man muss schon viel Humor haben und etwas abgehärtet sein, wenn man Till Reiners dabei zuhört, wie er im Minutentakt provokante Äußerungen gepaart mit steilen Thesen apodiktisch von sich gibt, alle möglichen und unmöglichen Zusammenhänge konstruiert und sich verbal oft an der Grenze dessen bewegt, was Satire darf.

Wut verändert die Gesellschaft

Rücksicht und Zurückhaltung? Kennt Till Reiners nicht. Nein, er hat die Wut für sich entdeckt und ist sich sicher: „Wut ist die entscheidende Kraft für gesellschaftliche Veränderung“. Wichtig sei aber, die richtige Form für sich zu finden. Gar nicht so einfach.

Da gibt es zum Beispiel die bürgerliche Wut, bei der man ganz viel Energie nach innen aufbauen muss, um sich problemlos über die unbedingte Prozesshaftigkeit des Aufstehens, über sinnlose Jugendwörter wie „Kopfkino“ oder über Donuts zu echauffieren, die früher noch kein Loch hatten und Berliner hießen. Weil früher sowieso alles viel besser war. „Wut ist unser kostbarster Rohstoff“, stellt Reiners trocken fest, „Öl haben wir in Deutschland ja keines“.

Im Allgemeinen sei Wut so etwas wie ein bürgerliches Grundrecht, findet Reiners, warum sonst gäbe es im Alltag wohl diverse Wut-Tankstellen? Beispiel: Der „Tatort“ aus Leipzig, den es nur noch in Wiederholungen gibt: „Wenn die Dialoge wider Erwarten gut sind, kann man sich ja noch über Simone Thomalla aufregen“, sagt Reiners, der sich sicher ist: „Die Intelligenz des Menschen ist genauso unendlich wie seine Dummheit“.

Verwirrende Politiker-Rhetorik

Gefährlich werde es aber, wenn man denkt, alle anderen seien dümmer als man selbst. Mit messerscharfer Zunge schafft es Reiners, gängige Meinungen als Plattitüden zu entlarven, die verwirrende Politiker-Rhetorik anzuprangern und zu zeigen, dass es sich lohnen kann, die eigene Sicht auf die Welt immer wieder zu überdenken. Dabei lässt er den moralischen Zeigefinger in der Tasche und kommt völlig ohne die im Kabarett übliche Schelte auf „die da oben“ aus. Nico Roller