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Nach Stationen in Braunschweig, Koblenz und Köln ist Katja Thiele in Pforzheim angekommen.  Seibel
Nach Stationen in Braunschweig, Koblenz und Köln ist Katja Thiele in Pforzheim angekommen. Seibel
Im „Goldenen Vlies“ ist Medea (Katha Thiele, links) neidisch auf Kreusa (Konstanze Fischer) – und schreckt auch vor der blutigen Tat nicht zurück.  Haymann
Im „Goldenen Vlies“ ist Medea (Katha Thiele, links) neidisch auf Kreusa (Konstanze Fischer) – und schreckt auch vor der blutigen Tat nicht zurück. Haymann
04.11.2016

Der Körper wird zum Instrument

Der Schauspielberuf ist etwas Besonderes. Die Arbeitszeiten sind speziell, der Weg zu einem festen Engagement schwierig – und auch der Einstieg mit Hürden verbunden. Diese Hindernisse hat die Schauspielerin Katja Thiele gemeistert. Sie ist seit der vergangenen Saison Mitglied im Ensemble des Theaters Pforzheim. Ihr Weg steht exemplarisch für den Werdegang so vieler Schauspieler, die sich mit viel Liebe und Engagement für ihre Leidenschaft entscheiden – und glücklich damit sind.

Am Anfang steht die Faszination für das Theater. Thiele kommt aus Westberlin, hat eigentlich nicht sonderlich viel mit dem Schauspiel zu tun. Aber sie entdeckt es doch in der Jugend – ganz konventionell mit dem Schultheater.

Sie beginnt ein Studium der sozialen Arbeit, steht nebenher weiter auf der Bühne und merkt, dass die Schauspielleidenschaft immer stärker wird. Sie will das Studienfach wechseln. Doch wo ein Wunsch ist, muss noch lange keine Erfüllung liegen.

Wer an den renommierten staatlichen Hochschulen aufgenommen werden will, muss einstecken können. Vorsprechen um Vorsprechen vergeht, Thiele hört Unterschiedliches über ihre Begabung. „Sie müssen eigentlich sofort ans Theater“ zum Beispiel oder „Vielleicht sollten Sie sich beruflich doch anders orientieren.“ Thiele bleibt am Ball, wird aufgenommen in Hannover. Ein kleiner Kulturschock für die Berlinerin, die doch die endlose Metropole gewöhnt ist, und für die sich die 500 000-Einwohner-Stadt schon anfühlt wie Landleben. Im Studium geht Thiele auf. Auch heute noch erinnert sie sich gerne zurück: an den Bewegungsunterricht zum Beispiel.

Dort, wo man lernt, den eigenen Körper als Instrument zu benutzen, ihm ganz Herr zu werden. Das Staatstheater Braunschweig folgt, ganz in der Nähe, später ein paar Jahre im Ensemble in Koblenz. Eine Zeit als freie Schauspielerin in Köln, dann Pforzheim – ein Wanderleben. Wer Wert darauf legt, schon mit 30 das Eigenheim zu beziehen und seine Pantoffeln jeden Abend pünktlich vor den Fernseher zu betten, sollte kein Schauspieler werden. Warum gehen trotzdem so viele diesen Weg? Die Antwort liegt auf der Bühne.

Thiele ist gerade im „Goldenen Vlies“ zu sehen, sie spielt Medea, die Kindsmörderin. Nur hier im Theater kommt so einfach zusammen, was doch so schwer zusammenzubringen ist. Da hat der österreichische Dramatiker Franz Grillparzer die Argonautensage um das Goldene Vlies in sprachmächtige Versen gegossen. Er zeigt griechische Helden aus einer längst vergangenen Zeit – archaisch, fremd und ungewohnt. Und doch erzählt Grillparzer so viel über das Heute, wirft Fragen auf von Fremdheit und Asyl, ohne platt sich in Moralismen zu verfangen. Und das macht auch die Inszenierung von Tilman Gersch nicht, in der Thiele sich wohlfühlt.

Da steht kein Flüchtlingszelt herum, auch keine orangen Westen oder Boote. Das Drama spielt sich in der Sprache ab – und hier gibt es nicht bloß eine Lösung. Rund 200 Jahre alt ist der Text, im hohen Stil und versgebunden – trotzdem treffen die Worte ins Herz. Sie haben eben kein Verfallsdatum. „Ich mag historische Stücke“, sagt Thiele. „Bei denen fragt man sich oft: ,Warum sind sie so aktuell?’“. Und das gibt es eben fast nur auf dem Theater – kein ganz alltäglicher Beruf.