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Spaß beim Gespräch: Kubisch sieht sich selbst als „sehr aufgeschlossenen“ Typen.  Foto: Meyer 
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Präsentiert eine Schrift-Arbeit aus dem Studium (oben), eine Frottage (unten) und ein Bild aus Ölpastell und Acryl: Thomas Kubisch.  Foto: Meyer 
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Viel Liebe zum Detail steckt auch in den Kleinformaten.  Foto: Meyer 
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„Die Natur ist die Basis für mein Dasein“, sagt der Künstler.  Foto: Meyer 

Der Mann fürs Schöne: Wiernsheimer Künstler und Kalligraf Thomas Kubisch

Wiernsheim. Er gilt als Dandy und Original. Manch Zeitgenosse bezeichnet ihn gar als einen der wohl ältesten Hipster überhaupt: einen Mann mit gewissem Hang zu Extravaganz und Eitelkeit. Thomas Kubisch darf das als Kompliment betrachten.

In Pforzheim und dem Enzkreis ist der Künstler, der über sein Alter am liebsten den Mantel des Schweigens hüllen würde, eine lebende Legende – ein Image, das wenig verwundert bei einem, der beim Spazieren immer wieder innehält, um sich Blumen und Bäume genauer anzuschauen. Der mit schicken Oldtimern durch die Gegend fährt, auf dem Weg zur Kirche einst mit dem Pferd durchs Dorf geritten ist. Und so manches mehr.

Rosafarbenes Hemd, weiße Leinenhose mit grauen Streifen, weiße, sportliche Schuhe. An diesem sonnigen Vormittag geht Thomas Kubisch braun gebrannt durch den Garten seines in den frühen 1970er-Jahren errichteten Atelierhauses in Wiernsheim-Serres. Das Grundstück ist eine grüne Oase, von Tannen umrandet. „Ich habe mir den Schwarzwald in den Garten gebaut“, sagt der Mann, der so gern naturbezogen lebt. „Da hole ich mir mein Manna, wenn Sie wissen, was ich meine.“ Er lächelt verschmitzt. Es sei eine Art Meditation. Bei Problemen ziehe er sich bisweilen zurück und lehne sich an eine Buche. „Da kommt sehr viel rüber.“

Die Natur sei die Basis für sein Dasein, sagt er. Auch im spanischen Andalusien, wo er wochenlang in einer Finca arbeitet, unterm Olivenbaum, mit Blick hinunter aufs Meer. Und mit Ölpastellkreide. „Das kann ich zuhause nicht machen. Wenn die Farben krümeln, versau’ ich mir das ganze Haus.“ Und um das kümmert sich in erster Linie die Frau an seiner Seite. „Ich kann nicht alleine sein. Ein Mann ist nur dann ein guter Mann, wenn er eine noch bessere Frau an seiner Seite hat.“

Spanien, Griechenland, eine Gastprofessur in Kairo („Die war für mich im Rückblick entscheidend“), längere Studien in Indien, Kulturreisen in diverse Länder. „Auslandsaufenthalte sind immens wichtig, solange man jung ist und die Frau mitmacht“, sagt er. Es sei wichtig, raus zu gehen, andere Mentalitäten kennen zu lernen. Kubisch selbst geht es auf seinen Reisen nicht nur um Land und Leute. Er studiert die Schrift, die Kalligrafie. Um zu zeigen, worum es geht, holt er eine Arbeit aus der Studienzeit hervor. Sieht aus wie gedruckt. Ist sie aber nicht. Kubisch hat das lateinische Alphabet als Antiqua-Schriftart mit gerundeten Bögen (Serifen) erst geschrieben, dann „mit einem simplen Messer“ in Linol geschnitten.

Das Motiv der Bewegung zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Thomas Kubisch. Als Sohn eines Zöllners, der immer wieder versetzt wurde, hauptsächlich in Stuttgart aufgewachsen, studiert er an der dortigen Akademie der Bildenden Künste von 1957 bis 1961 Malerei, Kunstgeschichte Grafik-Design – und Schrift, was ihm schon früh erste Achtungserfolge bringt. Bei einem Wettbewerb um die Gestaltung einer Gedenktafel für im Krieg gefallene Lehrer habe er den ersten Preis gewonnen.

Dann heiratet Kubisch, zeugt zwei Kinder und ist dreieinhalb Jahre lang Art-Direktor bei Kodak in Hedelfingen. „Eine tolle Position, aber ich wollte raus in ein anderes Land. Und bin in Australien gelandet.“ Obwohl evangelisch, bekommt er einen Lehrauftrag als Kunsterzieher am katholischen Bridgedine-Convent in Sydney. „Sie müssen Glück haben. An meiner Seite war es schon immer.“

InAustralienkamdieSehnsucht

Kubisch bringt den Schülern das Zeichnen bei. Und Disziplin. Eine grandiose Zeit voller Möglichkeiten sei das gewesen. „Aber was mir irgendwann sehr zu schaffen machte: die Sehnsucht.“ Mit Anfang 30 will er zurück. „Ich spürte: In Städten wie Paris oder Athen bekomme ich mehr Anregungen.“

Nach einem Lehrauftrag im schweizerischen Montreux wird er 1974 Dozent an der Volkshochschule Pforzheim (vhs) und baut ein Kursprogramm für verschiedenste Maltechniken auf. Die Lehrtätigkeit übt Kubisch bis heute aus. Kommende Woche startet er vier neue Kurse, einer sei bereits ausgebucht. Am vhs-Eingang hängen Aquarelle und Zeichnungen seiner Schüler. Von 1982 bis 2000 ist Kubisch Geschäftsführer des Kunstvereins Pforzheim und lernt so bedeutende Künstler wie Willi Sitte und Markus Lüpertz kennen. „Mit manchen bin ich befreundet.“

Stets wagt Kubisch den Spagat zwischen Lehrtätigkeit und eigenem künstlerischen Profil, vor allem in der Kalligrafie. Hierbei nur von der Kunst des Schönschreibens zu sprechen, würde Thomas Kubischs Werk nicht gerecht. Er sucht „das Verbindende im Kosmos der Schriften“, sagt er, und will es in die heutige Zeit einbringen. „Der Blick zurück, hat mich nach vorne gebracht.“

Unerschöpfliche Inspiration

Die Variation der Formen biete eine unerschöpfliche Inspiration für das Gestalten von Schrift. Zudem spielt er mit Hell und Dunkel, bringt Farbe in seine Werke: rot, schwarz, gold, beige. Zum einen, weil über Tausende Jahre in verschiedenen Kulturen Schriften farblich ausgearbeitet waren. Aber auch, „damit ich eine gewisse Harmonie erzeuge“. Und vor allem Bewegung. Kubisch zeigt auf eine detailreiche Aquarell- und Acryl-Arbeit. Darauf hat er ein Raster erzeugt, so dass das Gemälde im Vorbeigehen zu wackeln scheint.

Da ist es wieder, das Verbindende und Bewegende in seinem Leben. Ob beim Dressurreiten („Die Ruhe ist da die Bewegung, wenn Pferd und Reiter eins werden“), als junger Mann beim Fechten („Es ging mir nicht ums Gewinnen“), bei der Faszination für Fahrzeuge („Das ist Design und Bewegung im Sinne von Frei-Sein“), oder eben: „Kalligrafie ist das neue Yoga.“