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Mit buntem Hemd und Bier: Kabarettist Urban Priol auf der Remchinger Freibad-Bühne.  Foto: Frommer 

Der bissige Struwwelpeter: Urban Priol begeistert auf der Freibad-Bühne Remchingen

Remchingen. Scharfzüngig und tagesaktuell: Urban Priol zündete am Samstagabend auf der Freibad-Bühne ein satirisches Verbal-Feuerwerk. Die Adressaten seines kabarettistischen Spotts hat er für dieses Gastspiel in Remchingen ergänzt: um den roten Faden Corona und um die exponentiell wachsende Schar einander widersprechender Experten.

„Ab morgen“, steigt der 59-jährige Aschaffenburger in sein Solo-Programm ein, „gilt in Thüringen das Eigenverantwortlichkeitsprinzip. Den Eingang zum Biergarten prägt ein Hauch von DDR: Sie werden platziert!“ Nach einem kurzen Politiker-Bashing leitet der sympathische Grantler mit der noch immer zum Himmel strebenden Struwwelpeter-Mähne rasch zum einfallslosen TV-Programm während des nationalen Höhepunkts der Pandemie über: „Corona auf allen Kanälen“. Er habe aus Verdruss darüber schließlich alles genommen: „Erdmännchen & Co., Bares für Rares, Trucker-Sendungen, selbst alte Fußballspiele, entspannt kommentiert von Ernst Huberty“.

Natürlich bekommen auch die Landes- und Bundespolitiker jeder Couleur ihr Fett weg. Mit Andreas Scheuer (CSU) hat er „den Hauptgewinner der Corona-Krise“ ausgemacht. Zum Verkehrsminister legt er nach: „Ein Wahnsinnsvorschlag nach dem anderen. Warum kann man so einen nicht einfach entlassen?“ Diese Sicht scheint das Remchinger Publikum zu teilen: Hupkonzert vor der Freibad-Bühne. Urban Priol belebt nun mit mainfränkischer Maschinengewehrschnauze alle Themen, die „unter dem Corona-Radar in der Versenkung verschwinden“: Die GroKo verschleppe das Gesetz gegen die illegale Parteienfinanzierung ebenso wie das Grundeinkommen. Klatschen und Balkonreden sei das Einzige, was für die Pflegekräfte abfalle, „die man zuvor rigoros kaputtgespart“ habe. All dies seien „Meldungen, die vor den Augen der EU untergehen wie Flüchtlinge im Mittelmeer“. Und er kritisiert die freie Fahrt für Bundeswehrsoldaten in der Bahn: „Berufssoldaten sind Beamte – was ist denn mit den Ehrenamtlichen bei THW, Rotem Kreuz und Feuerwehr?“

Auf den Punkt platziert sind die bissig kurzen Wortmarken, die Priol der Prominenz aus Politik und Wirtschaft gewissermaßen im verbalen Vorbeigehen verpasst: Boris Palmer, „der Thilo Sarrazin der Grünen“, VW-Chef Diess, „der Nachlassverwalter der Diesel-Bescheißer“, und Donald Trump, „der Einzeller, der via Twitter täglich Einzeiler verfasst“, sind nur drei der mit Hupen kommentierten Paradebeispiele. Wo Priol etwas Fahrt aus seiner Solo-Show herausnimmt, findet sich Platz für ein Zitat von US-Star George Clooney: „Der Rassismus ist unsere Pandemie. Wir haben es in 400 Jahren nicht geschafft, einen Impfstoff zu finden.“ Das lässt er so stehen – auch das vieldeutig interpretierbare Zitat des österreichischen Kanzlers Sebastian Kurz zur Frage einer Kanzlerkandidatur des bayerischen Ministerpräsidenten: „Ich traue Markus Söder alles zu.“