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Goethe, zur Zeit Napoleons stilisiert als landschaftsüberragender Denker und Naturdichter, im Moment poetischer Inspiration vor der Kulisse des Vesuv – ein Gemälde von Heinrich Christoph Kolbe (1826).  Fotos: Jan Peter Kasper/Schiller-Universität Jena 
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Ideologisch vereinnahmt vor der Wende: das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar von Ernst Rietschel.  Foto: Claus Bach 
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Träumer und Narzisst: „Die Leiden des jungen Werther’s“ von Franz Skarbina (1880).  Foto: Frankfurter Goethe-Museum 
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Auffrischung des tradierten Goethe-Bildes: Andy Warhols Darstellung als Popstar (1982).  Foto: S.Vogel/Bundeskunsthalle 
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Nur noch ein Fragment: „Die Reisekutsche von Goethe“ (2011-2012) von Asta Gröting.  Foto: Simon Vogel/Bundeskunsthalle 

Der große Dichter als Vorbild: Kunstvortrag über Goethe im sehr gut besuchten PZ-Forum

Pforzheim. Eine Kutsche steht am Start des Parcours durch die Ausstellung der Bundeskunsthalle in Bonn. Doch es ist nicht jenes historische Gefährt, das im Innenhof des Goethe-Hauses in Weimar zu sehen ist.

Nur der Unterbau liegt da – und die Kutsche steht auf dem Kopf. Es ist eine Arbeit der Berliner Künstlerin Asta Gröting. Sie lenkt den Blick auf jene Konstruktionen, die es erst ermöglichen, mit der Kutsche in unterschiedliche Richtungen zu fahren – auch ein Fingerzeig darauf, wie sich das Bild Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832), dem bekanntesten Poeten deutscher Sprache, im Laufe der Jahre verändert hat.

Genau darum geht es in der Bonner Ausstellung „Goethe – Verwandlung der Welt“, die die Kunsthistorikerin Claudia Baumbusch im sehr gut besuchten PZ-Forum vorgestellt hat. Und parallel um die Fragen, wie aktuell der Dichter heute ist und wie er die Kunstwelt jahrhundertelang inspiriert hat.

Baumbusch zitiert zu Beginn aus dem Ausstellungskatalog. Darin verweisen die Autoren auf jene bemerkenswerte Rede des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, der zum Einheitstag 2010 erklärte, dass nicht nur Christen- und Judentum, sondern inzwischen auch der Islam zu Deutschland gehöre (was Publizist Thilo Sarrazin später aufgriff). Wulff berief sich auf Goethe, der im west-östlichen „Divan“ zum Ausdruck brachte: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ Es ist ein Beispiel für die Funktionalisierung der nationalkulturellen Identifikationsfigur: Goethe wird im gesellschaftspolitischen Diskurs als Orientierungsinstanz, als Autorität zurate gezogen. Ausgerechnet der Dichter, der sich zeit seines Lebens gegen Vereinnahmungen gewehrt hat. Goethe hat eben Konjunktur, wenn es um ein aufgeklärtes, zukunftsorientiertes und für Humanität eintretendes Deutschland geht.

Einfache Antworten gebe es nicht. Gerade heute. „In einer komplexer werdenden Zeit, in der wir mit der Digitalisierung erneut vor einer großen Zäsur stehen wie Goethe einst vor der Industrialisierung, beim Übergang von der alten in die neue Welt“, so Baumbusch.

Bilder und Illustrationen verengten das „Leiden des jungen Werther“ (1774) oft auf einen aus der Zeit gefallenen Träumer, sie schafften es als Motiv bereits 1789 aufs Meißner Porzellan. Der Maler Tischbein stellte den Dichter in seinem berühmten Porträt in der römischen Campagna als Gentleman in entspannter Genießerpose dar – obgleich Goethe kein Grand-Tourist war, sondern nach Anschauung und Reflexion der antiken und neueren Kunst strebte. Eine „großartige Brechung“ dieses Porträts, so Baumbusch, gelang dem Pop-Art-Künstler Andy Warhol 1982, der seine europäischen Wurzeln an Goethe abarbeitete und ihn wie Marilyn Monroe als Popstar inszenierte.

Als Held verehrt

Nach dem Tod Napoleons wurde Goethe in Deutschland zunehmend als Heros gewürdigt. Ernst Rietschels 1857 fertiggestelltes Goethe-Schiller-Denkmal gilt als ikonisches Bild der Weimarer Klassik, wurde aber mehrfach ideologisch vereinnahmt und in gesellschaftspolitische Debatten einbezogen, etwa in der Nazi-Zeit oder vor der Wende.

In der Romantik sorgten diverse Maler dafür, dass Goethes Romane und Figuren wie „Mignon“ einen Anstrich bekamen, der oft nur noch wenig mit der Vorlage zu tun hatte.

Die Tragödie des „Faust“ gilt, so Baumbusch, als die Verkörperung für das, was Moderne auszeichnet. Wie weit können wir gehen mit der Befriedigung der Bedürfnisse? Wo beginnt unser Pakt mit dem Teufel? Fragen, die aktueller denn je sind: in Theatern, aber auch der „Fridays for Future“-Bewegung.