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Statt Tönen gibt es Schilder: Das Publikum singt „Kumbayah – My Lord“.
Statt Tönen gibt es Schilder: Das Publikum singt „Kumbayah – My Lord“.
Grandioses Taktgefühl: Monika Lichtenfeld und Gerhard Rühm.
Grandioses Taktgefühl: Monika Lichtenfeld und Gerhard Rühm.
Ohne diese beiden gäbe es „Sprachsalz“ in Pforzheim nicht: Rainer Bartels (links) und Heinz Heisl.
Ohne diese beiden gäbe es „Sprachsalz“ in Pforzheim nicht: Rainer Bartels (links) und Heinz Heisl.
Gert Hager (Mitte) spielt bei OHNE ROLF – Jonas Anderhub (links) und Christof Wolfisberg – famos mit und verrät, was er gerne ist.
Gert Hager (Mitte) spielt bei OHNE ROLF – Jonas Anderhub (links) und Christof Wolfisberg – famos mit und verrät, was er gerne ist.
09.05.2016

Der große „Sprachsalzabend“ sorgt für Unterhaltung der besten Art mit Lesungen und der Plakatnummer von „OHNE ROLF“

Pforzheim. Diese Wette ist leicht zu gewinnen: Wohl kaum einer der rund 220 Gäste des großen „Sprachsalz“Abends dürfte sich in jüngster Zeit so königlich amüsiert haben wie am Samstag im kleinen Saal des CongressCentrums. Denn dieses Rund-um-Genusspaket ist vom Feinsten.

Neben dem vorzüglichen Menü sind es vor allem die Überraschungsprogrammpunkte, die immer wieder zum Schmunzeln, Lachen und Mitdenken anregen. Und die manche Erkenntnis mit sich bringen. Etwa, dass Frauen gar nicht die großen Plappertaschen sind, für die manche Männer sie halten. Der Dichter Gerhard Rühm und seine Partnerin, die Musikerin Monika Lichtenfeld, nehmen nämlich in ihrem unnachahmlichen Sprechduett „Gerede“ eine ganz besondere – amerikanische – Studie unter die Lupe: Der zufolge reden Männer zwar durchschnittlich 15 669 Wörter am Tag und Frauen 16 215. Aber der „unglaublichste Schwätzer überhaupt kam auf 47 000 Wörter insgesamt. Und soviel redete keine Frau“.

Eine, die ihre Texte nicht nur spricht, sondern mit dem ganzen Körper zelebriert, ist die amerikanische Autorin Patricia Smith. Und die lässt nicht nur zur Freude der Herren der Schöpfung literarisch und visuell in „Hip-Hop Ghazal“ die Hüften kreisen. Wenn der ehemalige Bürgermeister von Reykjavík Jón Gnarr dann in seiner Erzählung „The Indian“ eine Kindheitserinnerung aufblättert, ist schwer vorstellbar, dass hier ein gestandener Politiker so offen aus dem Nähkästchen plaudert. Denn das, was als Dummer-Jungen-Scherz beginnt – der Kleine zündelt mal kurz mit vertrocknetem Gras – wächst sich zum veritablen Großbrand aus. Aber statt als Brandstifter an den Pranger gestellt zu werden, dient sich der Bub als Helfer bei der Feuerwehr an und wird schließlich als Held gefeiert. Ob solche Erfahrungen für seine Politiker-Karriere hilfreich sind?

Ziemlich unter die Gürtellinie blickt dann Viv Albertine, die gleich zu Beginn der kurzen Lesung warnt: „Ladet besser keine Punk-Autorin zum Dinner ein.“ Denn so ganz appetitlich ist es nicht, was sie über die kleinen Krabbeltiere, „die aus den Pospalten kriechen“, zu erzählen hat.

Landrat „singt“ Solo

Gar nichts zu erzählen haben hingegen Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg. Zumindest machen sie nicht einmal den Mund auf. Und sorgen dennoch für Lachsalven ohne Ende. OHNE ROLF – so nennen sich die beiden – blättern. Ein Plakat nach dem anderen. 1000 -mal. Und das ist kurzweilig ohne Ende. Denn mit ihren Aufdrucken bekriegen sich Anderhub und Wolfisberg auf höchst subtile Weise, lesen immer mal wieder die Gedanken des Publikums, das dann auch wortlos das Spiritual „Kumbayah – My Lord“ mitsingen darf, wobei Landrat Karl Röckinger die Rolle des stummen Solisten mit der Zeile „Oh Lord“ zukommt. Einen ganz großen Blätter-Auftritt hat schließlich Oberbürgermeister Gert Hager, der gekonnt und lustvoll mitspielt und sich als „Blätter-Azubi“, der gerne den Chef mimt, nicht nur jede Menge Applaus, sondern auch einen Sack voll Sympathiepunkte abholt.