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Faszinierender Redner: Der schottische Autor Martin Walker wird am 27. Oktober seinen Thriller „Germany 2064“ im PZ-Forum präsentieren.
Faszinierender Redner: Der schottische Autor Martin Walker wird am 27. Oktober seinen Thriller „Germany 2064“ im PZ-Forum präsentieren. © Seibel
22.10.2015

Der schottische Autor Martin Walker stellt seinen neuen Roman im PZ-Forum vor

Zunächst erst einmal eine Bitte an die Leser: Werfen Sie alles über Bord, was Sie über Science-Fiction-Literatur wissen. Dann vergessen Sie am besten, was Sie unter dem Genre Roman verstehen. Und schließlich verabschieden Sie sich von dem, was Sie mit dem Namen Martin Walker (Jahrgang 1947) verbinden (zum Beispiel Bruno, den Dorfpolizisten aus dem Périgord).

Danach sind Sie bereit für etwas Neues: „Germany 2064“, den Zukunftsthriller des gebürtigen Schotten Martin Walker.

Nicht ohne Kriege

Ja, der Journalist und bekannte Krimi-Autor, der zum Teil in den USA lebt, aber auch viel Lebenszeit in Frankreich verbringt und besonders für Landschaft, Natur und die Périgord-Küche schwärmt, hat sich in seinem neuesten Werk mit Deutschland befasst – und wie es in etwa 50 Jahren aussehen könnte. Natürlich im internationalen Zusammenspiel. Angesichts der derzeitigen realen weltpolitischen Lage nicht die schrecklichste Vision. Selbst wenn auch aus seiner (sehr überzeugenden) Sicht die Zukunft nicht ohne Kriege und Kriminalität sein wird.

Zweigeteiltes Land

Wie also sieht das Jahr 2064 in Walkers Fantasie aus, und was geschieht in der kurzen Zeit, die die Handlung umrahmt? Das Land ist zweigeteilt: in die selbstverwalteten Freien Gebiete, in denen ein naturnahes und weitgehend technologiefreies Leben möglich ist, und in Hightech-Städte unter staatlicher Kontrolle. Was heute zwar über das Entwicklungsstadium hinaus, aber noch nicht ausgereift ist: Autos fahren und lenken automatisch. Selbstredend erledigen Roboter die meisten anfallenden Arbeiten. Einige dieser Maschinen haben inzwischen nicht nur ein frappierend menschenähnliches Äußeres, die neuesten Modelle denken auch mit, nach und voraus. Vor allem aber handeln sie blitzschnell und effektiv, wie es ein Mensch nicht vermag. Im Übrigen können sie noch mehr, nämlich Sex haben, wenn sie entsprechend ausgestattet sind. Und es sieht fast so aus, als seien sie zu Emotionen fähig – positiven wie negativen.

Entführte Sängerin

Eines dieser im international bedeutsamen Wendt-Konzern entwickelten Geschöpfe heißt Roberto und ist Partner des Polizisten Bernd Aguilar. Beide werden zu einem Fall herangezogen, der weitaus größere Dimensionen hat, als zunächst die Ausgangssituation, die Entführung einer Sängerin, vermuten lässt: nämlich Waffen- und Medikamentenschmuggel und internationale Industriespionage. So wie der Leser zwischen den verschiedenen Spuren und Vermutungen hin- und hergestoßen wird, so wechseln die Handlungsorte zwischen den Freien und staatlichen Gebieten. Mittendrin die Oase von Klaus Miller, der einen Bauernhof mit Weinberg und dazugehörendem Restaurant führt und eine Art Vermittler zwischen den Welten darstellt.

Spannender Fall

Der Fall, den Walker hier konstruiert hat, ist spannend, aber nicht spektakulär. Das hingegen sind seine Visionen, seine Exkurse in die Hochfinanz, in das Wirtschaftssystem von heute und morgen, sein Einblick in die Robotik und andere Wissenschaften. Und genau diese umfangreichen und vom enormen Wissen zeugenden Aussagen sprengen den Rahmen eines herkömmlichen Romans und bringen die Lektüre in die Nähe eines Sachbuchs. In jedem Fall aber ist seine Deutschland-Vision voller Optimismus.

Und einem lustigen Detail am Rande: Im Jahr 2064 heißen bei ihm die Deutschen wie fast 100 Jahre zuvor wieder Horst, Klaus, Thilo, Fred, Dieter oder Gerd. Möge er sich in diesem Punkt doch irren!