nach oben
Der mutmaßliche Schädel von Plinius wirft Fragen auf. Foto: Russo
Der mutmaßliche Schädel von Plinius wirft Fragen auf. Foto: Russo
07.09.2017

Der vergessene Schädel - Rätsel um Plinius den Älteren, der die Pompejaner retten wollte

Rom. Jahrzehntelang hat der Schädel unbeachtet in einem wenig bekannten italienischen Museum gelegen. Jetzt stehen die Forscher kurz vor einem Durchbruch. Sollten sich ihre Vermutungen bestätigen, dann könnte es sich bei dem Exponat um die Überreste von Plinius dem Älteren (23 bis 79 nach Christus) handeln. Der Gelehrte starb vor fast 2000 Jahren bei dem Versuch, die Einwohner der antiken Stadt Pompeji vor dem Ausbruch des Vesuvs zu retten. Plinius ist als Autor der „Naturgeschichte“ bekannt, die zu den ältesten enzyklopädischen Werken der Welt gehört. Als Fregattenkapitän mobilisierte er zudem eine ganze Flotte zur Rettung der Überlebenden der Naturkatastrophe in Süditalien.

„Ich habe 30 Jahre lang daran gearbeitet“, sagt der Militärhistoriker Flavio Russo. „Wir können nicht vollkommen sicher sein. Aber es gibt viele überzeugende Hinweise, und weitere Tests können uns eine fast definitive Antwort geben.“ Die Anthropologin Isolina Marota von der mittelitalienischen Universität Camerino will nun die Zähne des Schädels unter die Lupe nehmen und mit bekannten Porträts des älteren Plinius abgleichen. Wissenschaftler können Isotope im Zahnschmelz mit Isotopen im Boden einer bestimmten Region vergleichen. Sollten die Isotope des Schädels mit den Proben von Plinius’ Geburtsort Como nördlich von Mailand übereinstimmen, wäre das Rätsel möglicherweise gelöst. Sollten die Wissenschaftler die Verbindung bestätigen, sei der Schädel „der erste (identifizierte) menschliche Überrest aus dem antiken Rom“, sagt der Kunsthistoriker Andrea Cionci.

Die meisten Informationen über Plinius’ Leben stammen aus den Briefen seines Neffen Plinius des Jüngeren. Er schrieb, dass sein Onkel am Strand von Stabiae gestorben sei – an den giftigen Gasen des Lava spuckenden Vulkans. Russo wertet die Taten des älteren Plinius nach dem Unglück von Pompeji als „allerersten Katastrophenschutz-Einsatz“. Er glaubt, dass Plinius entweder von einer Brieftaube oder durch die Rauchzeichen einer Frau namens Rectina gewarnt wurde. Daraufhin mobilisierte er ein Dutzend Schiffe, die von rund 2500 Ruderern angetrieben wurden, und rettete um die 1000 Menschen.

Die mutmaßlichen Überreste von Plinius wurden im frühen 20. Jahrhundert unter 73 Skeletten entdeckt. Eines von ihnen war von den anderen getrennt und mit wertvollem Schmuck dekoriert worden – darunter eine Goldkette, Ringe und ein Schwert mit Elfenbein und Muschelschalen.

Der Ingenieur Gennaro Matrone, der damals die Grabung leitete, schenkte den Schädel einem Armee-General, der ihn später dem Historischen Nationalmuseum für die Kunst der Medizin in Rom übergab, wo er heute noch aufbewahrt wird.