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Zusammen mit der Badischen Philharmonie Pforzheim unter Markus Huber gelingt dem Geiger Ingo de Haas eine faszinierende Interpretation von Alban Bergs Violinkonzert.  Ketterl
Zusammen mit der Badischen Philharmonie Pforzheim unter Markus Huber gelingt dem Geiger Ingo de Haas eine faszinierende Interpretation von Alban Bergs Violinkonzert. Ketterl
16.02.2016

Die Badische Philharmonie Pforzheim überzeugt mit sattem Orchesterklang

Durch das dritte Abo-Konzert der Badischen Philharmonie Pforzheim geht ein Bruch – so verschieden scheinen die Werke, mit denen das Orchester unter der Leitung seines Chefs Markus Huber das Konzert im gut besuchten CongressCentrum Pforzheim (CCP) eröffnet. Da macht mit der „Waldtaube“ eine souveräne sinfonische Dichtung von Antonín Dvorák den Anfang.

Aus dem düsteren, tastenden Anfang schälen sich musikalische Szenen heraus, die mit melodiöser Hingabe gestaltet sind – von der Holzbläser-Idylle zum drohenden Tutti-Ausbruch. Bei aller Zeichnung der Charaktere: Nie sind es allzu grelle Farben, mit denen Dvorak malt. Anders da das zweite Werk des Abends.

Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ mit dem Frankfurter Geiger Ingo de Haas als Solisten. Ungezügelt ist hier der Ausdruck in Musik gegossen. Schreiende Melodien, wuchtige Aufbrüche des Orchesters prägen den Klang – dazwischen: die Geige. Ihr Gesang ist die Trauer.

Kein einfaches Programm liegt dem Werk zugrunde. Denn das Konzert will ein Denkmal sein. Für die 18-jährige Manon Gropius, Tochter des Bauhaus-Gründers Walter Gropius und seiner Ehefrau Alma Mahler-Werfel, der Witwe Gustav Mahlers. In jungen Jahren stirbt Manon nach leidensreichen Monaten an Kinderlähmung. Ihr Leben, vor allem aber ihr Tod inspirieren den Familienfreund Berg zu dem Werk, das auch sein letztes werden sollte. Was macht die Werke scheinbar so verschieden? Es ist ihre Stellung in der Zeit. Dvorák komponiert seine sinfonische Dichtung kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert – Berg rund 40 Jahre später. Dvorak schöpft aus der melodischen und harmonischen Tradition seiner Zeit, verbindet folkloristische Tendenzen seiner tschechischen Heimat mit der hoch entwickelten Tonsprache der westeuropäischen Musiklandschaft. Berg scheint auf der anderen Seite zu stehen.

Zusammen mit seinem Lehrer Arnold Schönberg und seinem Kollegen Anton Webern ist er zur sogenannten Zweiten Wiener Schule zusammengetreten. Wo früher eine Hierarchie zwischen den einzelnen Tönen galt, predigen sie mit der Zwölftontechnik deren Gleichheit. Und was bei dem Tschechen als Missklang gegolten hätte, wird bei Berg eine klangliche Möglichkeit unter vielen. Aber so verschieden wie ihr Eindruck, sind die Werke dann doch nicht. In einem wichtigen Punkt kommen sie zusammen: Der Fortgang der Komposition wird durch die Klangfarben des Orchesters stark bestimmt. Wie gut, dass die an diesem Abend wuchtig aufgestockte Badische Philharmonie diesem Parameter gerecht wird. Denn die Farbe gilt viel in allen Werken.

Aufwühlenden Klangereignis

Und so sind die Kompostionen auch Übungen im Umgang mit dem Orchester als Klangfarben-Bringer. Die Badische Philharmonie ist prächtig aufgelegt, lockt die lieblichen Nuancen aus Dvoráks „Waldtaube“ und macht Bergs Totengesang zum aufwühlenden Klangereignis. Der Solist Ingo de Haas macht seine Sache gut – besser als die verzwickten kontrapunktischen Stellen gelingen ihm und dem Orchester die große Emphase der Trauer. Nach der Pause dann die Kür. Mit Dvoraks 9. Sinfonie steht ein Schlager des Wunschkonzerts auf dem Programm. Sie ist für das Orchester genau das Richtige. Denn was es schon vor der Pause gezeigt hat, darf hier seinen unbeschwerten Abschluss finden. Die tiefen Streicher sind das Rückgrat, die vier Kontrabässe sorgen für raumfüllende sinfonische Kraft, die Celli dürfen mit schmelzendem Beginn das Werk eröffnen. Präzise sorgen die Geigen für das melodische Fortkommen, das Holz glänzt bei den pittoresken Momenten der Partitur. Blech und Schlagwerk zeigen – manchmal zu – beherzten Zugriff. Aber Huber hält das Ensemble gut zusammen und sorgt für eine differenzierte dynamische Bandbreite – vom leisen Klangidyll zum wuchtigen Tutti-Schlag. Das ist eine präzise Vorstellung der Badischen Philharmonie. Und Dvoraks Sinfonie ein würdiger Abschluss unter einem beherzten Konzert.