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Dietrich Wagner schreibt seit seiner Jugend.  Ketterl
Dietrich Wagner schreibt seit seiner Jugend. Ketterl
23.09.2016

„Die Bürgermeisterin von Lampedusa“: Ein Theaterstück über die Flüchtlingskrise von Dietrich Wagner

Pforzheim. An Aktualität ist Dietrich Wagners Text „Die Bürgermeisterin von Lampedusa“ kaum nicht zu übertreffen. Das Werk des Neuenbürger Schriftstellers und Psychologen handelt von der Flüchtlingskrise, die die Nachrichten Europas seit rund einem Jahr bestimmt. Aber Wagner war früher dran.

„Den Text habe ich schon vor zwei Jahren geschrieben“, sagt er. „Da stand das Flüchtlingsthema noch eher am Rand.“ Sein Theaterstück springt also nicht auf den fahrenden Zug des Zeitgeists auf – sondern zeigt einen ganz eigenen Ansatz. „Ich habe einen Bericht gelesen über die Bürgermeisterin von Lampedusa“: Giuseppina Maria Nicolini. Sie ist die Hüterin über die kleine Insel im Mittelmeer; dort unten, wo der afrikanische Kontinent schon so nah ist, aber die Zugehörigkeit zu Italien die Insel doch zum Sehnsuchtsziel macht für die Jugend Afrikas.

Wagner ist fasziniert von Nicolini, die sich den Problemen ihrer Insel stellt: Wie lässt sich Lampedusa regieren, wenn das Meer regelmäßig die Leichen an den Strand spült? „Ich lasse die Bürgermeisterin klagen“, sagt Wagner. „Aber mit Souveränität und auch Verantwortung.“ Das Konzept scheint aufgegangen zu sein. Mit seinem Werk wurde Wagner ausgewählt beim Marburger Festival der Kurzdramen. Dort wird „Die Bürgermeisterin von Lampedusa“ am 1. Dezember uraufgeführt.

Keine Selbstverständlichkeit, hat sich Wagner doch gegen über 100 Konkurrenten durchgesetzt – mit ihm noch drei weitere Autoren. Die endgültige Gestalt seines Textes hat 48-Jährige auch seinem Beruf zu verdanken. Er ist Psychologe; hat in Jena studiert und später in Heidelberg, wo er der erste ostdeutsche Psychologiestudent war. Seit rund 15 Jahren wirkt er in Pforzheim, lebt in Neuenbürg – und schreibt leidenschaftlich, auch erfolgreich. „Ich habe den Text Freunden zum Lesen gegeben“, sagt Wagner. „Und wollte dann noch ein bisschen mehr Komplexität hineinbringen.“ Das ist ihm gelungen.

Was als Monolog der Bürgermeisterin begann, wird nach Wagners Überarbeitung zu einer psychologischen Studie. „Die Bürgermeisterin verwandelt sich“, sagt er. „In eine Person, die nicht mehr nur klagt, sondern die Europa verflucht.“ Zwei Figuren in einer Person. „Ich sehe halt als Psychologe eher das Drama im Menschen selbst“, sagt er.

Sprachgewaltig breitet er die Stimme Niccolinis aus, mit einem feinen Gefühl für Rhythmus – in Sätzen, die bewegen. Wie hat er sich vorbereitet auf den Text? Wo er doch Nicolini nicht kennt, auch die Insel Lampedusa nicht. „Ich hab recherchiert, auch in Reisekatalogen.“ Denn das ist der Zwiespalt der Insel, die so elysisch in warmen Wassern liegt, die Touristen suchen zum Tauchen – und Flüchtlinge zum Überleben.

Es ist – große Gefahr bei Literatur zum Thema – kein weinerliches Werk geworden, keines voll eingebildetem, auch zynischem Mitleid, sondern ein sprachmächtiger Versuch. Am Sonntag liest Wagner im Kommunalen Kino daraus.