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Eine der wenigen Künstlerinnen, die fürs „Happiness“ gebucht sind: Lúcia Lú und Meg10 von Hoe Mies.  Foto: Franz Becker 

„Die Jungs lassen die Puppen tanzen“: Wenig Frauen auf Festivalbühnen

Auf den Bühnen der großen Musikfestivals treten kaum Frauen auf - auch bei „Rock am Ring“ und „Rock im Park“. Ein Erklärungsversuch.

Es ist Festivalzeit: Gestern starteten „Rock am Ring“ und „Rock im Park“. Bis zu 160.000 Rockfans werden erwartet, darunter nach Veranstalterangaben 40 Prozent Frauen. Die Männer sind in der Überzahl auf dem Festivalgelände. Doch viel krasser gilt das auf den Bühnen.

75 Künstler haben sich angekündigt: Metal-Größen wie Slayer und Slipknot, HipHopper wie Marteria und Punker wie Feine Sahne Fischfilet und Die Ärzte. Gestern ging es mit der Gefahr drohender Unwetter los mit der Alternative-Rock-Band The Smashing Pumpkins und der Metal-Band Tool. Grob überschlage,n stehen an den drei Tagen 250 Musiker auf der Bühne. Darunter sind nicht mal zehn Frauen.

Der Frauenmangel auf Festivalbühnen ist bekannt. Im vergangenen Jahr lästerte Berlin über „Schniedelpalooza“, weil auch beim Lollapalooza-Festival kaum Frauen im Lineup vertreten waren. Doch: woher nehmen?

„Es gibt einfach viel mehr männliche Rockmusiker“, sagt der Musiksoziologe Holger Schwetter. „Rock galt – und gilt – eher als Jungssache, Mädchen werden eher angehalten, weiche Instrumente zu lernen: Flöte, Geige, Klavier und nicht Schlagzeug, Bass oder E-Gitarre.“

Katharina Wenisch, die Sprecherin von Veranstalter Marek Lieberberg, sagt: „Bei der Auswahl der Bands beziehungsweise Solo-Künstler, die bei ,Rock am Ring’ und ,Rock im Park’ spielen, achten wir vorrangig darauf, dass sie zu unseren Stilrichtungen passen. Hier sind Qualität und Aktualität entscheidend.“ Eine „gender-bezogene Auswahl“ finde nicht statt, obwohl „eine Erhöhung des Frauenanteils extrem wichtig“ sei – „nicht nur aus ökonomischer Hinsicht, sondern auch aus einem kulturell-sozialen Blickwinkel betrachtet“.

Die beiden Rockfestivals sind mit ihrer Männerlastigkeit kein Sonderfall. Bei „Southside“ und „Hurricane“ in diesem Jahr ist die Frauenquote zwar etwas besser, aber immer noch verschwindend gering. Ein Blick auf die „Happiness“-Internetseite zeigt ein ähnliches Verhältnis. Von gut 25 Acts sind nur zwei rein weiblich: Hoe Mies und Nura.

Ähnliches Bild auch in Wacken: lange Haare überall, aber selten auf Frauenköpfen. Nur ein Dutzend Bands haben dort Frauen dabei. „Und das sind wahrscheinlich die Sängerinnen ...“, sagt Ilka Siedenburg, Professorin für Musikpädagogik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. „Das ist nicht neu, das Phänomen, und es zeigt sich noch mehr als im Gesang vor allem bei den instrumentellen Musikerinnen. Da wird es richtig dünn.“

In der klassischen Musik gebe es zwar mehr Frauen als früher. „Aber im Pop, Rock und Jazz sind es erschreckend wenig. In Studiengängen für Populäre Musik liegt der Frauenanteil aktuell bei 20 bis 25 Prozent. Berücksichtigt man nur die Instrumentalistinnen, landet man im einstelligen Bereich.“ Siedenburg führt das auch darauf zurück, dass Mädchen viel seltener als Jungs Bands gründen. Außerdem sei die Musikbranche eine männliche mit „fast ausschließlich männlichen Produzenten“.

Der Musikjournalist und Buchautor Ernst Hofacker wird deutlich und benennt einen traditionellen Sexismus, „das Machohafte“, in der Branche: „Da kann man im wahrsten Sinne davon sprechen, dass die Jungs die Puppen haben tanzen lassen.“ Er betont aber, dass es nicht nur ein Problem der Rockmusik sei. „Das ist immer ein Bild der Gesellschaft. So lange es in einer Gesellschaft vollkommen normal ist, dass Mädels anders erzogen werden – Stichwort rosa und blau – und die wilde Rolle den Jungs überlassen wird, darf man sich nicht wundern.“ Es sei gesellschaftlich nicht erwünscht, wenn Mädchen und Frauen Aggressionen zeigen und rauslassen, sagt Musiksoziologe Schwetter. „Frauen in der Rockgeschichte werden marginalisiert.“ Bob Dylan gelte zum Beispiel als „wertvoller“ als Joni Mitchell.

Dass es auch anders geht, hat das Festival „Primavera Sound“ in Barcelona gezeigt. Dort gab es eine Frauenquote und mehr als 50 weibliche Acts – und trotzdem 200.000 Besucher.