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Für ihre Liebe gehen Poppea (Anna-Maria Kalesidis) und Nero (Johannes Strauß) über Leichen.  Haymann
Für ihre Liebe gehen Poppea (Anna-Maria Kalesidis) und Nero (Johannes Strauß) über Leichen. Haymann
01.11.2015

„Die Krönung der Poppea“ feiert Premiere am Theater

Pforzheim. Der Philosoph Seneca? Hat sich die Pulsadern aufgeschlitzt. Der Verschwörer Otho? Wird in die Ferne gejagt. Neros eigene Ehefrau Ottavia? Wird verstoßen und muss Platz machen für die neue Geliebte des Tyrannen. So richtig gewalttätig geht es hier zu, in Monteverdis Oper „Die Krönung der Poppea“.

„Das ist eine ganz grausame Metzelei“, sagt Regisseur Alexander May, dessen Inszenierung heute am Theater Pforzheim Premiere feiert. Trotz der hinweggerafften und verstoßenen Personnage des Stücks – das eigentliche Thema ist erfreulicher: Es ist die Liebe. Wie passt das zusammen? „Es ist eben ein sehr ehrliches, ein erbarmungsloses Stück“, sagt May. Denn die Liebe des römischen Tyrannen Nero zu seiner Geliebten Poppea ist absolut. Keine Moral, kein Gesetz kann sie beschränken. Liebe pur eben – was das anrichtet, zeigt der Barockkomponist in schonungsloser Ehrlichkeit. „Die Triebe des Menschen, seine Begierde sind die stärkste Macht im Leben. In dieser Oper wird zu Ende gedacht, was das heißt.“

Am Anfang steht eine Wette. Die Götter wollen spielen, streiten sich, wer denn der wichtigste sei. Die „Tugend“ etwa oder das „Glück“? Nein, die „Liebe“ ist’s. „Vor ihr können alle einpacken“, sagt May. In der „Krönung der Poppea“ ist es konkret die Liebe zwischen dem römischen Kaiser Nero und seiner Geliebten Poppea, die alles andere niederwalzt. Bei diesem Paar können „Glück“ und „Tugend“ nur verlieren. Nero ist – ach Pech noch verheiratet, zwischen ihm und Poppea steht die Gattin Ottavia. Nero macht es sich einfach, will sie verstoßen. Der Philosoph Seneca mahnt und regt zur Tugend an. Nero aber hört das gar nicht gern. Resultat: Der Philosoph muss weg. Der Kaiser befiehlt seinen Selbstmord. Er ist das erste Opfer des lüsternen Paars – andere folgen rasch. Dieser grausame Kurs der Liebhaber regt zu Widerstand an. Aber die beiden haben Schutz von ganz oben; „Amor“ hält seine Hand über das Paar – und ermöglicht das Ziel. Ottavia verstoßen, Poppea wird gekrönt. Nero ist zufrieden – und die Gegner sind tot.

Und die Musik? „Vor diesem grauenhaften Hintergrund“, sagt May, „spannt Monteverdi eine wunderschöne Musik aus.“ Die ist ganz anders als die drastische Handlung. Instrumentale Effekte, das grelle Rot des Bluts sucht man vergebens. Zurückgenommen folgt die Instrumentalbegleitung den Irrungen der Handlung. Dieses Werk wird von der Sprache getragen. Das Pforzheimer Leitungsteam hat sich für eine Übersetzung entschieden. Deutsch sollen sie singen – Nero und Konsorten. Man darf gespannt sein, ob das glückt, ob das italienische Melos, das sprachgebundene Auf und Ab der Melodie auch mit deutschen Konsonanten-Clustern funktioniert. In elf Monaten haben sie mit dem Werk gerungen, haben Fassungen verglichen – und sich am Ende für eine eigene entschieden. GMD Markus Huber, der vor Jahrzehnten selbst als „Amor“ auf der Bühne stand, hat sie arrangiert, hat entschieden, wann das Orchester wuchtig ins Ritornell einsteigt und wann es schweigt – und Platz gibt für intime Generalbass-Deklamation. Denn die „Poppea“ ist ein Werk der leisen Töne. Bei der Handlung aber geht es zur Sache. Simon Püschel