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Meisterwerk: "Der Meatphysiker" von Giorgio de Chiroco von 1917.  © Staatsgalerie
18.03.2016

Die Magie der Dinge - Staatsgalerie Stuttgart zeigt Werke Giorgio de Chirocos

Stuttgart. Giorgio de Chirico. Wer? Fast jeder kennt seine Bilder: diese mystischen Räume, die die Realität auf den Kopf zu stellen scheinen. Jene Figuren, die ohne Gesichtszüge eine Fülle von Gefühlen ausstrahlen. Die Gemälde, die mit wuchtiger Dramatik eine neue Sichtweise, einen neuen Blickwinkel auf die Welt ermöglichen.

Bildergalerie: Sonderschau zum Maler Giorgio de Chirico in der Staatsgalerie

„De Chiricos Schicksal ist es, Bilder in die Welt gesetzt zu haben, die sich von seinem Namen gelöst haben“, umschreibt Gerd Roos dieses Phänomen. Roos ist einer der Kuratoren der fulminanten Ausstellung „Giorgio de Chirico – Magie der Moderne“ in der Staatsgalerie Stuttgart, die nicht nur diesen einzigartigen Künstler ins Bewusstsein rückt, sondern auch höchst augenscheinlich macht, welch richtungsweisenden Einfluss er auf seine Zeitgenossen und die nachfolgenden Künstlergenerationen Europas ausübte. Und das sind Namen, wie Salvador Dalí, Max Ernst, George Grosz, René Magritte, Man Ray, Oskar Schlemmer, Rudolf Schlichter oder Kurt Schwitters. Künstler, die allesamt in der Schau vertreten sind, die für spannende Bezüge, neue Entdeckungen, plötzlich offensichtliche Parallelen sorgen und dabei den Ausgangspunkt, die Inspiration und den Einfluss de Chiricos (1888 – 1978) in den Hintergrund treten ließen.

Einmalige Gelegenheit

Eine weitere Tatsache, so Roos, erschwere dem bereiten Publikum die Rezeption: „De Chirico verschwindet hinter seinen Repliken.“ Auch hinter den selbst gefertigten. Allein von „Die beunruhigenden Musen“ hat er rund 60 Kopien geschaffen, „bei denen der Unterschied zwischen einem Poster und dem öligen Gemälde nicht groß ist.“ Deshalb setzt Stuttgart auf die Originale, die Spuren der Überarbeitung, des Zögerns, des Verwerfens sichtbar machen. Über 20 Gemälde der Jahre 1915 bis 1918, die fruchtbarste Zeit von de Chiricos metaphysischer Malerei, hat die Staatsgalerie versammelt – von gerade mal 50 Gemälden, die in diesen Jahren im oberitalienischen Ferrara entstanden. Zusammengetragen aus aller Welt für eine Ausstellung, „die es so nie wieder geben wird“, sagt Direktorin Christiane Lange.

Und so sind sie alle zu sehen, jene Bilder im Bild, jene großen, Menschenleeren italienischen Piazze, jene Werke voll rätselhafter Schatten, beziehungslos im Raum stehender Türme und staffeleiartiger Aufbauten. Geprägt sind sie „von einer künstlerischen Ausdrucksweise, die minuziös realistisch anmutet, dabei jedoch darauf abzielt, Desorientierung, Verstörung und Beunruhigung zu erzeugen sowie den großen Wahnsinn der Welt und der Dinge zum Vorschein zu bringen“, fasst Roos die Grundlagen der „Pittura metafisica“ zusammen, für die de Chiricos Werk steht.

Entstanden sind sie in einer Zeit, in der der Erste Weltkrieg tobt, der den gebürtigen Griechen, der in München Kunst studierte, in Florenz und Paris lebte, ab 1915 – frontuntauglich – in Ferrara zum Schreibtischdienst zwingt. Bereits jetzt ist er in Ausstellungen mit seinen Werken vertreten, werden seine Bilder in Zeitschriften veröffentlicht. 1918 erscheint erstmals in Rom die Zeitschrift „Valori Plastici“, durch die unter anderem Max Ernst auf de Chirico aufmerksam wird. Schwitters, Grosz, Schlichter – schnell finden die Grundzüge der metaphysischen Malerei Einzug in die Kunst der Neuen Sachlichkeit. Aber auch Surrealisten wie Ernst, Magritte oder Dalí werden von den stilistischen und ikonografischen Erneuerungen de Chiricos geprägt, die „den Gegenständen nicht nur eine neue Materialität abgewinnen, sondern ihnen eine magische Aura verleihen“, sagt Gerd Roos.