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Blick auf die Elbe in intensiven Farben: „Dresden, Augustusbrücke mit Rückenfigur“ aus dem Jahr 1923. Foto: Kunsthaus Zürich
Blick auf die Elbe in intensiven Farben: „Dresden, Augustusbrücke mit Rückenfigur“ aus dem Jahr 1923. Foto: Kunsthaus Zürich
Das letzte Selbstporträt: „Time, Gentlemen Please“ von 1971/1972. Foto: Kunsthaus Zürich
Das letzte Selbstporträt: „Time, Gentlemen Please“ von 1971/1972. Foto: Kunsthaus Zürich
Unglückliche Liebe: „Doppelbildnis Kokoschka und Alma Mahler“. Foto: Kunsthaus Zürich
Unglückliche Liebe: „Doppelbildnis Kokoschka und Alma Mahler“. Foto: Kunsthaus Zürich
Junge Geliebte und spätere Ehefrau: Olda Palkovská. Foto: Kunsthaus Zürich
Junge Geliebte und spätere Ehefrau: Olda Palkovská. Foto: Kunsthaus Zürich
Expressive Landschaftsbilder mit Figuren: Bei den Reisen durch Großbritannien in den Jahren 1938 bis 1940 entstand auch das Gemälde „ Sommer II (Zráni)“. Foto: Kunsthaus Zürich
Expressive Landschaftsbilder mit Figuren: Bei den Reisen durch Großbritannien in den Jahren 1938 bis 1940 entstand auch das Gemälde „ Sommer II (Zráni)“. Foto: Kunsthaus Zürich
06.12.2018

Die Malerei der Emotionen: Claudia Baumbusch über Leben und Werk Oskar Kokoschkas im PZ-Forum

Pforzheim. Er war ein Migrant und ein vehement Liebender: Oskar Kokoschka, der große, so eigenwillige Künstler, dem das Kunsthaus Zürich ab 14. Dezember eine Ausstellung widmet und der im Zentrum des Vortrags von Claudia Baumbusch im PZ-Forum stand.

Kokoschka (1886–1980) betrachtete sich als Europäer – weder als Bürger Österreichs (wo er geboren wurde), noch als Tscheche (woher sein Vater stammte), weder als Engländer (wo er im Exil lebte und die Staatsbürgerschaft erhielt) noch als Schweizer (wo er das letzte Vierteljahrhundert seines Lebens verbrachte). All diese Lebensstationen haben Spuren in seinem Werk hinterlassen, das „mit seinem Festhalten an der Figuration auch die Neuen Wilden stark beeinflusst hat“, schildert die Kunsthistorikerin.

Österreich

Wenige Monate nach seiner Geburt zieht Oskar Kokoschkas Familie nach Wien, wo er bereits 1907 Mitarbeiter der Wiener Werkstätten wird und seinen wichtigsten Mentor, den Architekten Adolf Loos, kennenlernt. Erste Porträts entstehen: „Nichts Äußerliches“ will er festhalten, sondern den Blick in die Seele. 1912 lernt er Alma Mahler kennen, die sieben Jahre ältere Witwe des Komponisten. Drei Jahre dauerte das Zusammenleben, das Alma Mahler als „einzigen, heftigen Liebeskampf“ bezeichnete. Er schreibt ihr 400 Liebesbriefe und malt „Die Windsbraut“ – mit 181 mal 221 Zentimetern Fläche der Größe seines Betts entsprechend. Diese Amour fou hinterlässt jahrelang heftige Spuren: Kokoschka meldet sich als Freiwilliger zum Ersten Weltkrieg, wird gleich zweimal schwer verwundet.

Deutschland

1917 kommt er zur Rekonvaleszenz in ein Dresdner Sanatorium und bleibt – von 1919 bis 1926 als Professor an der Kunstakademie. Kokoschka malt Stadtansichten, sein allegorisches Werk „Macht der Musik“ in intensiv leuchtenden Farbakkorden und ein Selbstbildnis, das erahnen lässt, wie sehr ihn Alma Mahler noch in seinen Gedanken verfolgt. Bereits 1920 hat er genug von der Lehrtätigkeit, lässt sich beurlauben und reist – öfters Hunger leidend – quer durch Europa bis nach Algerien.

Tschechoslowakei

Nach 1934 kann und will sich der Maler nicht mehr in Deutschland aufhalten, haben die Nazis doch bereits 1930 begonnen, seine Bilder aus den Museen zu entfernen. Kokoschka zieht nach Prag, wo seine Schwester lebt. Der Frauenheld verliebt sich in die 19-jährige Jura-Studentin Olda Palkovská, malt fast barocke Stadtansichten mit bewegtem Pinselduktus. Doch die Nazis rücken näher: Mit dem letzten möglichen Flug gelangen am 18. Oktober 1938 der Künstler und seine Freundin, die er 1941 in einem Luftschutzkeller in London heiratet, nach England.

Großbritannien

Kokoschka engagiert sich politisch, malt 1937 sein „Selbstporträt eines entarteten Künstlers“ und stellt häufig aus – auch in den USA. Mit 60 Jahren gelingt ihm endgültig auch der Durchbruch: Retrospektiven, Monografien und Lebenswerkschau auf der Biennale in Venedig. Dort wird 1952 eines seiner Hauptwerke gezeigt: Im Triptychon „Prometheus-Saga“ setzt er sich zwar mit der Antike auseinander, malt vielmehr mit intensiven, Pinselstrichen und Farbverläufen einen flammenden Appell an die Menschen, sich als Brüder und Schwestern in Frieden und Freiheit zu vereinen.

Schweiz

1953 zieht das Ehepaar in seine neue „Villa Delphin“ in Villeneuve am Genfer See. In diesem Jahr gründet er mit Friedrich Welz als „Schule des Sehens“ die Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg, die bis heute existiert und auch den Pforzheimer Bildhauer René Dantes geprägt hat.

Kokoschka entwirft Bühnenbilder und Ausstattungen, schreibt seine Autobiografie, wird anlässlich runder Geburtstage mit Ehrungen überhäuft und beginnt 1971 mit seinem letzten Selbstbildnis: „Time, Gentlemen Please“, in dessen Titel er auf den Sperrstundenruf in englischen Pubs anspielt. Auf das Klopfen des Todes hin, der als bärtiger alter Mann dargestellt ist, öffnet der Künstler die Tür. „Ein gemaltes Schlusswort“, sagt Claudia Baumbusch in ihrem Vortrag. Am 22. Februar 1980 stirbt Oskar Kokoschka im Alter von 93 Jahren.