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30.05.2015

Die Meister-Sammlerin: Karoline Luise von Baden

Große Landesausstellung Baden-Württemberg // 30. Mai 2015 – 6. September 2015

Ein Kooperationsprojekt der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, des Landesarchivs Baden-Württemberg, Generallandesarchiv Karlsruhe, und der Università della Svizzera italiana.

Im Mittelpunkt der Großen Landesausstellung, die die Kunsthalle gemeinsam mit zwei Kooperationspartnern anlässlich des 300. Stadtjubiläums von Karlsruhe durchführt, steht Markgräfin Karoline Luise (1723-1783). Geboren als Prinzessin von Hessen-Darmstadt, heiratete sie 1751 Markgraf Karl Friedrich von Baden und fand in Karlsruhe ihren Lebensmittelpunkt. Karoline Luise war talentierte Amateurin, begeisterte Kunst- und Büchersammlerin, wissbegierige Naturforscherin, Reisende und Unternehmerin – eine Femme savante von europäischem Zuschnitt.

Schon in ihrer Jugend gerühmt als „hessische Minerva“, später leicht ironisch als „Vielwisserin, Vielfragerin von Baden“ (J.C. Lavater) apostrophiert, hat sich Karoline Luise zu Lebzeiten europaweit Geltung und Anerkennung verschafft. Sie gehörte zum internationalen Kreis von Connaisseuren, die sich als gebildete Dilettanten zumeist selbst künstlerisch betätigten. Nach ihrer frühen prägenden Unterweisung durch den Genfer Pastellmaler Jean-Etienne Liotard, der mit seinem Porträt der jungen Prinzessin seine eigene Maxime des très fini anschaulich machte, schulte sich die begabte Elevin der Kunst entsprechend dem akademischen Curriculum; sie fertigte vor allem Kopien von Werken großer Meister, die sie ab 1757 aus der Mannheimer Galerie des Kurfürsten von der Pfalz entlieh. Schnell entwickelte sich die junge Markgräfin von der praktizierenden Kunstliebhaberin zu einer europaweit informierten Kennerin und Sammlerin von Gemälden und Zeichnungen. Regelmäßig ließ sie sich Bilder zur Ansicht kommen, selektierte kritisch und wies alles zurück, was ihrem Geschmack zuwiderlief.

Malereikabinett

Im Zentrum der Ausstellung steht Karoline Luises Malereikabinett, eine Sammlung niederländischer Kunst des 17. und französischer Kunst des 18. Jahrhunderts. Ihre besondere Zuneigung galt den holländischen Feinmalern, wie Gerard Dou, Gabriel Metsu, Caspar Netscher und Adriaen van der Werff. Aber auch die gestisch freiere Peinture eines Rembrandt oder Chardin fand ihre große Zuneigung. Karoline Luise bevorzugte entschieden die ‚niedrigen’ Gattungen Genre, Stillleben und Landschaft. Angetrieben von dem Ehrgeiz, nur das Beste zu erwerben, gelang ihr während des Siebenjährigen Kriegs in nur wenigen Jahren, zwischen 1759 und 1763, der Erwerb der meisten Bilder ihres Kabinetts, das am Ende ihres Lebens gut 200 Werke umfasste. 151 davon werden bis heute in der Kunsthalle verwahrt, über ein Dutzend weitere Werke lässt sich in privaten und öffentlichen Sammlungen weltweit nachweisen. Das Malereikabinett bildet den Höhepunkt in der Sammlungsgeschichte des Hauses Baden, und es steht an der Schwelle des modernen Kunstmuseums, das aus den übergreifenden Denk- und Kommunikationsformen der Spätaufklärung hervorgegangen ist. Das Medium des aufgeklärten Kunstdiskurses und der gebildeten Kommunikation, dem sich die Entstehung des Malereikabinetts wesentlich verdankt, ist das Korrespondenzwesen der Zeit, das ein europäisches Phänomen darstellt. Karoline Luise war nicht nur fleißige Sammlerin, sondern auch immens eifrige Briefschreiberin: 154 Bände in ihrem Nachlass, davon etwa 50 mit Bezügen zur Kunst, enthalten Briefkonzepte von ihrer Hand sowie Antwortschreiben von über 800 Korrespondenzpartnern, außerdem Exzerpte, Ankaufslisten, Rechnungen, Kataloge, Reisenotizen u. v. a. Sie werden als Eigentum des Hauses Baden im Generallandesarchiv Karlsruhe (Bestand FA 5A) verwahrt.

Forschungsprojekt

Die Große Landesausstellung wurde durch das interdisziplinäre Forschungsprojekt Aufgeklärter Kunstdiskurs und höfische Sammelpraxis. Das Malereikabinett Karoline Luises von Baden (1723-1783) im europäischen Kontext vorbereitet, das von den drei Projektpartnern entwickelt und von der VolkswagenStiftung, Hannover, im Rahmen der Förderlinie Forschung in Museen über zwei Jahre finanziell unterstützt wurde. Aufbauend auf älteren Forschungen zum Malereikabinett, insbesondere vom früheren Direktor der Kunsthalle Jan Lauts, wurde der schriftliche Nachlass erstmals gleichberechtigt mit den künstlerischen Hinterlassenschaften der Markgräfin in die Forschung einbezogen. 50 Bände ihrer Korrespondenz mit kunsthistorisch relevanten Inhalten konnten ausgewertet und in einer Datenbank zugänglich gemacht werden. Das Interesse des Forscherteams galt dem dichten Netz an europaweit ausgespannten Beziehungen, in denen die Markgräfin als aktive Teilnehmerin des kulturellen Geschehens sichtbar wird, dem europäischen Kulturtransfer mit seinen unterschiedlichen Akteuren – den Agenten und Korrespondenten, den Amateuren und Kennern sowie den konkurrierenden Sammlern –, der Zirkulation der Bilder auf dem Kunstmarkt und im Auktionswesen und den neuen Medien des intellektuellen Austauschs und der Geschmacksbildung – den literarischen Journalen und der Reproduktionsgrafik. Die Zusammenschau dieser unterschiedlichen Ebenen erlaubt es, die Karlsruher Befunde zu kontextualisieren und die am Ort gewonnenen Einsichten in vergleichender Perspektive in die europäische Kunstgeschichte einzubetten.

Große Landesausstellung

Die Ausstellung im Obergeschoss der Kunsthalle folgt dem übergreifenden Ansatz des Forschungsprojektes und präsentiert das Malereikabinett im Zusammenspiel mit den für Karoline Luise vorbildlichen europäischen Sammlungen und deren Protagonisten. Der Rundgang umfasst 15 Kapitel, das 16. findet sich im Generallandesarchiv. Gezeigt werden rund 160 Bilder des ehemaligen Malereikabinetts sowie ca. 300 Leihgaben in unterschiedlichen Medien: Gemälde, Graphik, Möbel, Porzellan, Manuskripte, Bücher und naturwissenschaftliche Objekte werden als Elemente eines vielgestaltigen „Laboratoriums“ miteinander verknüpft. Die Präsentation wird durch drei filmische Displays sowie zwei Datenbankportale zum Malereikabinett ergänzt. Zur Vorbereitung der Ausstellung hat die Kunsthalle im Sommer 2014 die Kampagne Meister-Rahmen für Meister-Werke initiiert. Den zahlreich eingegangenen Spenden ist es zu danken, dass die historischen, teilweise opulenten Bilderrahmen umfassend restauriert werden konnten.